1.      Kapitel: Louis‘ Schicksal

 

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, hatte es in Frankreich einen Machtwechsel gegeben, der an Dreistigkeit wohl kaum zu übertreffen war. Die damit verbundenen Ereignisse waren so haarsträubend wie faszinierend.

 

Nachdem der junge Thronerbe Louis XIV erfahren hatte, dass er einen Zwillingsbruder namens Philippe besaß, ließ er diesen sofort nach seiner Krönung zum König von Frankreich verhaften und einkerkern, um dessen Existenz für immer geheim zu halten. Doch diese Maßnahme allein genügte ihm noch nicht und er ließ dem armen Bruder, der nichts von seiner wahren Herkunft wußte, eine eiserne Maske aufsetzen, um dessen Gesicht auf ewig zu verbergen.

Unglücklicherweise erwies sich der junge Louis bald darauf als äußerst unfähiger und selbstsüchtiger Herrscher und er geriet ausgerechnet, mit dem Mann in Konflikt, der einst seinen Auftrag, Philippe zu verhaften und wegzusperren, ausgeführt hatte. Der Priester und ehemalige Musketier Aramis entschied sich, den König gegen seinen Zwillingsbruder auszutauschen, dem selben Bruder, den er einst im Auftrag von Louis ins Gefängnis gebracht hatte.

Zusammen mit seinen beiden Kumpanen Athos und Portos führte er den ungeheuren Plan durch. Zusammen befreiten sie Philippe und tauschten Louis bei einem Maskenball gegen ihn aus und obwohl der Schwindel aufflog, siegten sie am Ende doch, da sich seine gesamte Garde von Louis abwandte, als sie die ganze Wahrheit erfuhren.

 

Nun war es Louis, der die Maske tragen mußte und von zwei Soldaten und einem Gefängnisaufseher durch die Korridore der Bastille geschubst und gezerrt wurde. Von weitem glaubte er noch den Siegesjubel seiner Feinde zu hören und der Haß, den er in diesem Moment gegenüber seinem Bruder und dessen Freunden empfand, hätte nicht größer sein können. Gleichzeitig durchflutete ihn ein Gefühl der Angst und Verzweiflung. Er spürte die festen Griffe der beiden Soldaten, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, um seiner Oberarme und hatte dabei das Gefühl, sie wollten ihm die Arme zerquetschen. Er blickte von links nach rechts und dann wieder zurück.

„Hey, nicht so fest!“, schimpfte er und versuchte dabei trotzig zu klingen, doch seine Stimme erklang nur zittrig und wie ein klägliches Fiepsen.

Der eine Soldat verpaßte ihm einen Schlag in den Unterleib. „Halt die Klappe!“, schimpfte er, während der Gefangene sich vor Schmerzen krümmte. Die Soldaten scherten sich herzlich wenig darum und zerrten ihn nun sogar noch energischer durch die Gänge.

„Ich bin der König“, jammerte Louis verzweifelt, „Ich bin wirklich der König!“

„Das hast du schon mal gesagt“; entgegnete der eine Soldat und stopfte ihm kurzerhand ein Tuch in den Mund. Daraufhin resignierte Louis und ließ sich von nun an widerstandslos mitzerren.

Während sie zügig unterwegs waren, ließ Louis seinen Blick umherschweifen. Das Gefängnis war ein grauenhafter Ort. Überall hingen Spinnweben an den feuchten Steinwänden und allerlei Ungeziefer krabbelte an ihnen empor. Es stank entsetzlich nach Verwesung und Exkrementen und die Luft war erfüllt vom lauten Wehklagen der anderen Gefangenen. In einigen der Zellen, an denen sie vorbei kamen, war es Louis möglich hinein zu blicken und oft konnte er nicht sagen, ob die schrecklich verwahrlosten Gefangenen im Inneren schon tot oder noch am Leben waren. Louis sah ihre ausgemergelten Gesichter und ihre zerrissene Kleidung unter der ihr von der Krätze befallener Körper hervorschien. Louis konnte diesen Anblick nicht länger ertragen und so schloß er schließlich die Augen.

Die Soldaten brachten ihn schließlich in das Büro des obersten Gefängnisaufsehers. Als Louis die Augen wieder öffnete, sah er den Aufseher vor sich an seinem hölzernen Schreibtisch sitzend einige Dokumente durchlesen. Einer der Soldaten nahm Louis das Tuch wieder aus dem Mund.

„Wo sollen wir den hier unterbringen?“, fragte der Soldat den Oberaufseher. Dieser schaute langsam auf, als habe er den Besuch erst jetzt bemerkt.

„Ach“, antwortete er sichtlich gelangweilt, „da haben sie ihn also wieder eingefangen.

„Wieder eingefangen?!“, schnaubte Louis ungehalten, „Ich bin...“

Weiter kam er nicht, denn der Soldat zu seiner Rechten schlug ihm so heftig gegen die Brust, dass es ihm für einen Moment glatt den Atem raubte. Louis sank stöhnend in sich zusammen, wurde aber sogleich wieder aufgerichtet. Der Oberaufseher sah dessen Begleiter fragend an.

„Er ist ein bißchen verrückt. Er hält sich für den König“, erklärte der Soldat, der Louis soeben geschlagen hatte.

„Ach so“, meinte der Oberaufseher betont gleichgültig, „ja, ja, das Gefängnis kann einen schon verrückt machen. Bringt ihn ganz nach unten, in Zelle 78, aber seid nett zu ihm. Tut ihm nicht noch mehr weh. Der arme Teufel scheint ohnehin schon am Ende zu sein.“

Louis senkte den Kopf.

„Ja Monsieur“, antwortete der Gefängniswärter und verließ den Raum. die beiden Soldaten folgten ihm mit ihrem Gefangenen.

 

Louis wurde also runter ins unterste Verlies gebracht. Es war kalt und feucht dort unten und ein fauliger Geruch durchströmte die Korridore. Der Gefängniswärter mußte ihnen mit einer Laterne leuchten, denn sonst hätten sie in dieser Dunkelheit die eigene Hand vor den Augen nicht sehen können. Louis schauderte.

 

Schließlich blieb man am Ende eines langen Korridors vor einer einzelnen Zellentür stehen. Der Gefängniswärter schloß sie auf und die beiden Soldaten schubsten Louis unsanft hinein. Der Gefangene ging einige zögerliche Schritte auf das hintere Ende seiner Zelle zu. Es gab keine Fenster in diesem Raum, doch im Schein der Laterne des Gefängniswärters konnte er einen kleinen Abzugsschacht im hinteren rechten Winkel seiner Zelle erkennen. Zu seiner Linken stand eine harte Holzpritsche, auf der eine einzelne schon sehr verschlissene Wolldecke lag. Am Fußende der Pritsche stand ein kleiner Holztisch und daneben ein Hocker. Ansonsten gab es keine weiteren Möbel in der Zelle.

Auf dem Tisch stand ein zweiarmiger Kerzenleuchter. Der Gefängniswärter holte zwei Kerzen aus seiner Tasche, steckte sie in der Leuchter und zündete sie an. Dann legte er noch einige weitere Kerzen und eine Schachtel mit Zündhölzern auf den Tisch.

„Wenn die Kerzen alle sind, bekommst du Nachschub“, sagte er.

Louis atmete erleichtert auf. Er hatte schon befürchtet, er müsse nun für immer in völliger Dunkelheit leben.

Dann verließen der Wärter und die Soldaten die Zelle und schlossen Louis darin ein. Dieser setzte sich resignierend auf seine Pritsche, zog die Beine an den Körper, umschlang sie mit den Armen und stützte seinen von der Maske umschlossenen Kopf auf die Knie. Nach einer kurzen Weile legte er sich jedoch hin und schlief ein wenig, wobei er sich mit fürchterlich Alpträumen herumschlug.

 

Später wurde er wieder geweckt, als die untere Klappe an seiner Zellentür geöffnet und ein Tablett mit Essen hindurch geschoben wurde. Louis blickte auf den Kerzenleuchter und erschrak. Er hatte ganz vergessen, die Kerzen auszublasen, bevor er sich schlafen gelegt hatte. Dabei mußte er doch sparsam mit dem Licht umgehen, aber noch einmal würde ihm das nicht passieren.

Louis stand auf und holte sich das Tablett ans Bett. Sein Abendmahl bestand aus einer Kartoffelsuppe, einem Stück Brot, zwei Äpfeln und einem kleinen Krug Milch. Louis erinnerte sich an das, was Philippe gesagt hatte: „... aber ernährt ihn gut.“ Offenbar hielt man sich hier an diese Anweisung.

„Wenigstens etwas“, dachte sich Louis, nahm einen der beiden Äpfel und wollte hinein beißen, als ihm plötzlich die Maske im Weg war. Der Gefangene gab ein mißmutiges Brummen von sich, denn nun wurde ihm klar, dass das Essen von nun an ziemlich kompliziert sein würde. Dann nahm er jedoch den Löffel, der eigentlich für die Suppe gedacht war und begann damit und mit seinen Händen, die Äpfel zu Mus zu verarbeiten, den er dann zu essen im Stande war. Einen Moment lang überlegte Louis in einem Anflug von Sarkasmus sogar, ob er sich die Äpfel nicht einfach gegen sein maskiertes Haupt schlagen und sie so zermatschen sollte, doch er ließ es bleiben.

Nachdem der Gefangene aufgegessen hatte, stellte er das Tablett samt dem Geschirr wieder vor seine Zellentür und legte sich dann erneut schlafen. Diesmal vergaß er nicht, das Kerzenlicht zu löschen.

 

 

2.      Kapitel: Ein neues Zuhause

 

 

Etwa zur selben Zeit, als Louis sich in seiner Zelle schlafen legte, ritten Philippe und sein Gefolge durch die dunklen Straßen und Gassen von Paris. Sie waren auf dem Weg zurück ins Schloß, doch der Weg war weit und Philippe, der als König vorne weg reiten mußte, war schnell in Not geraten, denn er kannte den Weg ja gar nicht. Er hätte seine drei Freunde fragen können, die in den Schwindel eingeweiht waren, doch in seinem Gefolge befanden sich auch einige Offiziere, die von dem Machtwechsel nichts wußten und die er nicht mißtrauisch machen wollte, doch das waren sie natürlich schon längst.

 

„Majestät“, ließ sich schließlich einer von ihnen vernehmen, „wohin führt ihr uns? Dies ist nicht der Weg zum Schloß. Man könnte meinen, ihr seid stockbesoffen.“

Die übrigen Offiziere quittierten diese Bemerkung mit beifälligem Gelächter und Philippe wußte nicht, was er antworten sollte. Er fühlte wie Unsicherheit in ihm aufstieg und die Angst, am Ende doch noch zu verlieren, doch da ritt Portos neben den Offizier, der es gewagt hatte, seinen König zu verspotten.

„Wagt es ja nicht noch einmal, euch über seine Majestät lustig zu machen“, raunte er, „sonst könnt‘ ihr gleich den Rückweg zur Bastille antreten und euch dort in einer Zelle häuslich einrichten.“

Portos lächelte süffisant und der Offizier zog nur wirsch die Oberlippe hoch.

In diesem Moment sah Philippe, dass Athos an seine Seite geritten war und ihm nun aufmunternd zuzwinkerte.

„Reitet einfach. Ich werde euch den Weg während dessen Stück für Stück unauffällig erklären, Majestät“, sagte er leise zu Philippe, der erleichtert aufatmete. Dann wandte er sich an seine übrigen Begleiter.

„Ich bin nicht betrunken und ich weiß auch ganz genau, was ich will und was ich tue“, hob er streng an, „und wenn es noch einmal jemand wagt, mich lächerlich zu machen oder mich auf irgendeine Weise in Frage zu stellen, so darf er sich auf eine harte Strafe gefaßt machen.“

Die Offiziere nickten eingeschüchtert und Philippe lobte sich. Er hatte die erste Prüfung bestanden. Dann gab er seinem Pferd erneut die Sporen und ließ sich von diesem Punkt an von Athos durch die Straßen lotsen, ohne das der Rest des Trupps etwas davon bemerkte.

 

So kamen sie schließlich beim Schloß an. Am Tor zum Schloßgarten wurden sie von den wachhabenden Gardisten empfangen, die in der Dunkelheit ihren König, der ohnehin einen Kapuzenmantel trug, nicht gleich erkennen konnten. Einer der beiden wollte deswegen auch schon die scheinbaren Fremden unwirsch nach ihren Absichten fragen, als er im Schein des Mondlichts gerade noch rechtzeitig den König erkannte.

„Willkommen daheim, Majestät“, begrüßte er seinen Herrscher und war sichtlich erleichtert darüber, dass er gerade noch an einer großen Peinlichkeit vorbei geschlittert war. Dann öffnete er zusammen mit seinem Kollegen das Tor und der König und sein Gefolge ritten hindurch.

 

Bald darauf waren im Schloß mehrere Zofen damit beschäftigt, Philippe in seinen Privatgemächern zu entkleiden und ihn für das abendliche Bad vorzubereiten. Dieser war zunächst wieder etwas unsicher geworden, denn er hatte Angst, eine falsche Bewegung zu machen, die ihn verraten könnte, doch dann hatte er sich entschieden, einfach das zu tun, was Könige am besten können, selbst keinen Finger krumm machen und die anderen machen lassen und damit tat er genau das richtige. Allerdings fühlte sich Philippe dabei ziemlich unwohl. Man hatte ihn doch nicht auf den Thron gesetzt, damit er nun den Lebensstil seines Bruders einfach übernahm. Bereits an diesem Abend begriff Philippe, dass er nichts überstürzen durfte, wenn er keinen Verdacht erregen wollte.

 

Während er so in Gedanken versunken war, schlangen ihm zwei Zofen ein großes weiches Tuch aus edlem Leinen wie eine Toga um seinen inzwischen nackten Körper. Dann wurde er in den Baderaum geleitet.

Es handelte sich um einen großen Raum, dessen einzelne Bereiche durch hauchdünne Vorhänge aus indischer Seide von einander abgetrennt waren. Der gekachelte Fußboden war zu einem großen Teil mit dicken roten Teppichen belegt, denn dem König sollte keinen Moment lang kalt an den Füßen sein. An den Stellen, wo keine Teppiche lagen, konnte Philippe kunstvoll gestaltete Blumenmotive auf den Fliesen erkennen. Der ganze Raum war erfüllt von orientalischen Düften, die von vergoldeten Messingbecken ausgingen, die an den Wänden aufgestellt waren und aus denen farbige Dämpfe empor stiegen. Die Badewanne befand sich auf einer kleinen Anhöhe von drei Stufen. Dieser Bereich war von vier ionischen Marmorsäulen eingegrenzt, die ein ebenfalls marmornes Dach trugen, dessen schmale Enden sich wie Wellen aufbogen. Zwischen den Säulen hingen durchscheinende hellblaue Vorhänge, die zahlreiche Falten warfen und deren untere Enden mit winzigen Perlen verziert waren.

 

Während Philippe langsam auf diesen Bereich zu schritt und zwei junge Mädchen die Vorhänge für ihn aufhielten, war ihm dieser ganze übertriebene Prunk einfach nur peinlich. Dennoch ging er zielstrebig auf die große Wanne zu, deren vergoldeter Kupferkern in einem fest mit dem Boden verbundenen, mit kunstvollen Reliefs verzierten viereckigen Marmorblock eingebettet war.

Als er direkt davor stand, nahmen die Zofen Philippe das Leintuch, das er bis dahin um den Leib getragen hatte, ab und er stieg mit einem Seufzer in die Wanne. Sofort begannen zwei der Zofen, ihn vorsichtig zu waschen, während sich die übrigen diskret in eine Ecke des Raumes zurück zogen.

 

Philippe fühlte sich sichtlich wohl in der Wanne. Das Wasser war warm und roch nach Blütenblättern und als er genau hinsah, gewahrte Philippe, dass tatsächlich einige rosafarbene Blütenblätter auf der Oberfläche schwammen. Was für ein unverschämter Luxus dies doch alles war, doch Philippe war so betört durch all die Düfte, die den Raum schwängerten, dass er sich gar nicht mehr über die Verschwendung Gedanken machen oder gar aufregen konnte. Die zwei Zofen wuschen ihn mit weichen Schwämmen, die sie behutsam über seine nasse Haut gleiten ließen, gerade so wie man es normalerweise bei Babys tut.

„Soll ich euer Majestät die Schultern massieren?“, fragte die eine Zofe und Philippe nickte leicht mit dem Kopf. Er war wie betäubt.

Die Zofe trat hinter Philippe und begann mit der Massage. Während dessen lehnte sich die andere der beiden lasziv über den Wannenrand und warf ihrem König einen verführerischen Blick zu.

„Welche Dame möchtet ihr für diese Nacht bei euch haben, Majestät?“, fragte sie.

Philippe erwachte schlagartig aus seinem Trancezustand.

„Was?“

„Welche eurer Mätressen soll mit euch heute Nacht das Bett teilen, Majestät?“

„Ich bin müde. Ich will heute Nacht mit niemandem das Bett teilen.“

Die beiden Zofen sahen sich irritiert an.

„Aber Majestät“, meinte die, die ihn gerade massierte, „ihr wollt doch sonst jede Nacht eine Frau in eurem Bett haben.“

„Na schön, dann schickt mir irgendeine“, antwortete Philippe resignierend.

Und damit erhob er sich und stieg aus der Wanne. Sofort begannen die beiden Zofen, ihn vorsichtig abzutrocknen und als sie damit fertig waren, erschienen zwei der Zofen, die sich zuvor zurück gezogen hatten und brachten ihm sein seidenes Nachthemd. Philippe schlüpfte rasch hinein und verließ dann einfach das Bad. Die Zofen sahen sich gegenseitig hilflos an, denn eigentlich hätte der König an dieser Stelle noch einparfümiert werden müssen.

 

Als Philippe diesen Raum der Düfte und Dämpfe verließ, verspürte er eine angenehme Kühle auf seinem Gesicht und konnte nun wieder völlig klar denken. Dieses Bad war wahrhaftig ein betörender Ort und Philippe war durch diesen übertriebenen Luxus ziemlich verwirrt und dennoch mußte er sich in seinem tiefsten Inneren eingestehen, dass es ihm gefiel. Als er dies bemerkte, verpaßte er sich selbst eine kleine Ohrfeige.

„Nein Philippe, du darfst dich dem nicht hingeben. Du darfst nicht werden wie dein Bruder“, tadelte er sich selbst. Dann ging er in sein Schlafgemach.

 

Die Zofen waren wirklich schnell gewesen, denn als Philippe sein Schlafgemach betrat, lag auf seinem Bett in aufreizender Pose schon eine Junge Frau zwischen vielleicht 18 und 20 Jahren. Sie hatte langes schwarzes Haar und einen mediteran anmutenden Teint. Offenbar war sie Italienerin oder Spanierin, wer wußte das schon. Sie trug nichts weiter, als ein dünnes weißes Nachthemd, unter dem ihr nackter Körper durchschimmerte.

„Guten Abend, Majestät“, säuselte sie, „ich bin für diese Nacht eure Gefährtin.“

„Ich weiß“, antwortete Philippe und rang sich mühsam ein Lächeln ab, „wenn ihr nun so freundlich wäret ein bißchen zur Seite zu rutschen? Ich möchte mich nämlich schlafen legen.“

Die junge Frau tat wie ihr geheißen und sah sichtlich verwirrt zu, wie der König sämtliche Kerzen im Raum löschte und sich dann neben ihr ausstreckte ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Da schickte man sie extra hier her und nun wollte der König nichts von ihr wissen, sondern einfach nur schlafen, aber so lief das nicht, nicht mit ihr. Sie packte also den auf der Seite liegenden Philippe an der Schulter und drehte ihn mit einem energischen Ruck auf den Rücken. Eine Sekunde später saß sie schon auf ihm. Philippe reagierte ungehalten.

„Was soll das? Seht ihr nicht, dass ich müde bin?“

„Glaubt mir; Majestät, wenn ich mit euch fertig bin, könnt‘ ihr noch viel besser schlafen.“

„Wenn ihr mit mir fertig seid? Hey, ich bin hier der König. Ich habe das Sagen und nicht ihr und jetzt geht gefälligst runter von mir!“

„Oh, ich könnte es mir aber nie verzeihen, wenn ich euer Majestät heute Nacht ein wundervolles Erlebnis vorenthielte.“

Philippe seufzte schwach.

„Dann tut, was ihr nicht lassen könnt“, sagte er mit matter Stimme und die junge Frau begann sogleich mit ihrem Liebesspiel.

Sie entkleidet zuerst sich und dann den König. Anschließend begann sie ihn, am ganzen Körper zu streicheln und zu küssen und Philippes anfängliche Lustlosigkeit wandelte sich schnell in tiefes Behagen. Er gab jeden Widerstand auf und ließ seiner Mätresse freie Hand.

Diese setzte sich schließlich auf ihn und begann erst langsam und dann immer schneller und kraftvoller mit den Hüften zu kreisen. Philippe vernahm in seinem Sinnesrausch ihr lustvolles Stöhnen und bemerkte schließlich, dass diese Laute nicht nur von ihr, sondern auch von ihm kamen.

Er fühlte sich, als würde er jegliche Kontrolle über sich und die Situation verlieren und so drehte er seine Partnerin schließlich mit einem Ruck um, so dass nun er auf ihr lag und die dominante Stellung einnahm und setzte auf diese Weise den Liebesreigen fort, bis er fertig war und von ihr runter glitt. Philippe schlief augenblicklich ein.

 

Als er am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich wie gerädert.

 

Philippe blinzelte verschlafen in die Morgensonne, deren helles Licht durch die großen Fenster in sein Schlafgemach flutete. Der König setzte sich auf und verspürte sogleich seinen schmerzenden Rücken.

Philippe ließ sich sofort mit einem Stöhnen zurück ins Bett fallen. Seine Arme und Beine fühlten sich an wie Blei und sein Kopf schmerzte. Sein Körper zahlte nun den Ereignissen der letzten Nacht den Tribut.

Der junge Herrscher ertappte sich dabei, wie er Louis für einen Moment beneidete. Dieser hatte nun keine Zofen um sich, die ihm mit Weihrauch die Sinne vernebelten oder irgendwelche Gefährtinnen, die ihn zu einem Liebesreigen nötigten, wenn er doch eigentlich todmüde war und nur noch schlafen wollte. Dabei vergaß Philippe allerdings, dass Louis eigentlich nie etwas gegen Geschlechtsverkehr einzuwenden hatte.

Während Philippe noch so seinen Gedanken nach hing, wurde schließlich die Tür geöffnet und Athos trat ein, gefolgt von Portos. Als Zweiterer sah, dass der König nackt war, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Na, war die erste Nacht in eurem neuen Heim schön, Majestät?“, fragte er mit deutlichem Unterton in der Stimme.

„Ich fühle mich, als wäre die gesamte königliche Garde über mich rüber marschiert“, entgegnete Philippe wenig begeistert.

Athos boxte Portos leicht in die Rippen.

„Ach mein Junge, dass kommt einfach davon, dass ihr das alles hier noch nicht gewohnt seid, aber das wird sich schon noch geben“, meinte er und sah seinen neuen König mit einem verständnisvollen Lächeln an.

Philippe setzte sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck auf.

„Das ist ja das Problem. Ich habe das Gefühl, dass ich schon bald Gefallen daran finden könnte. Dieses Bad und dann die junge Frau in meinem Bett... Ich fürchte, es würde mir nicht schwer fallen, Louis‘ Lebensstil früher oder später zu übernehmen.“

Athos wiegte bedächtig den Kopf hin und her.

„Nun Majestät“, antwortete er endlich, „ein gewisses Vergnügen will euch ja auch niemand verwehren, solange ihr euch nur als guter Herrscher und Staatsmann erweist und wir haben Louis gewiß nicht wegen dieses Bades oder seiner nächtlichen Orgien gegen euch ausgetauscht.“

„Nein, ganz gewiß nicht wegen der nächtlichen Orgien“, pflichtete Portos seinem Freund bei, „ein Mann braucht schließlich regelmäßigen und anständigen Verkehr, damit er sich seine Hörner abstoßen kann und seine Manneskräfte nicht verliert.“

Philippe und Athos sahen sich grinsend an.

„Ja ganz gewiß, mein lieber Portos. Ich bin sicher, da kennt ihr euch aus“, entgegnete der König lachend. Dann stieg er aus dem Bett.

 

3.      Kapitel: Die Hölle auf Erden

 

So verging die Zeit. Drei Monate gingen ins Land, in denen Philippe lernte, sich immer besser dem Leben bei Hofe anzupassen und gleichzeitig seine Pläne nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Doch wie war es in der Zwischenzeit dem unseligen Louis ergangen?

Dieser hatte bald das Gefängnis in seiner ganzen Grausamkeit kennen gelernt.

Zwei Tage nach seiner Verhaftung, war er unter die Aufsicht zweier junger Gefängniswärter geraten, denen es offenbar größtes Vergnügen bereitete, die ihnen anvertrauten Gefangenen zu quälen. Sie kamen beinahe jeden zweiten Tag und dann schlugen und vergewaltigten sie ihn, als kannten sie sämtliche positiven Eigenschaften der Menschheit noch nicht mal dem Namen nach.

 

Nachdem er gerade mal wieder eine derartige Mißhandlung hinter sich hatte, kauerte Louis auf dem Bett in seiner Zelle und tastete vorsichtig seine Gliedmaßen ab, um sich zu vergewissern, dass alle Knochen noch heil waren. Einmal hatten sie ihm das rechte Handgelenk gebrochen und da man ihm ärztliche Hilfe verweigert hatte, war der Bruch zwar wieder verheilt, doch von diesem Zeitpunkt an, war sein rechtes Handgelenk unbeweglich geworden.

Louis war aufgewühlt durch eine Mischung aus Haß, Verzweiflung und tiefen Rachegelüsten.

Er haßte diese Männer, die ihn verraten  hatten, sein Volk, das sich von ihm abgewandt hatte, seine Mutter, der er anscheinend nicht annähernd so viel bedeutete wie sein Bruder, ja er haßte die gesamte Menschheit, die ihn einfach nicht verstehen wollte.

„Was hätte ich denn tun sollen?“, sprach er zu sich selbst, „Woher sollte ich denn wissen, ob er den Thron will oder nicht. Die Menschen schreien immer nach Frieden, doch sie sind nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen... Diese verdammten Musketiere! Wäre ihnen ein Bürgerkrieg lieber gewesen? Tausende geopferter Menschenleben an der Stelle von einem einzigen?

Und dabei haben sie noch nicht mal die Gnade gesehen, die ich ihm zukommen ließ, denn ich habe ihn leben lassen. Ich habe ihn nicht getötet, obwohl ich es gekonnt hätte. Also war ich gnädig.

Jawohl, ich habe nicht nur einen Bürgerkrieg verhindert, sondern habe auch noch Milde mit ihm walten lassen... und so haben sie es mir nun gedankt!“

 

Louis redete sich in Rage und steigerte sich immer mehr in seine merkwürdig verdrehte Auffassung von Gut und Böse hinein.

Er empfand keine Schuld. Das hatte er noch nie getan. Im Gegenteil. Er hatte immer geglaubt, dass er Philippe mit dem Gefängnis und der Maske eine Gnade erwiesen hatte, da er ihm doch gleichzeitig das Leben geschenkt hatte.

Und da er kein Schuldgefühl hatte, empfand Louis die Qualen, die er nun in seinem Verlies erlitt, nicht etwa als übertriebene Strafe, sondern als pures Verbrechen an seinem gesalbten königlichen Leib.

„Aber dafür werden sie alle in der Hölle schmoren!“, knurrte Louis.

„Verflucht seist du, Philippe! Ich schwöre, wenn ich hier je wieder raus komme, werde ich dich töten und du sollst langsam sterben, damit ich es genießen kann.“

Louis lehnte sich zurück und begann sich die grauenhaftesten Dinge auszumalen, die er Philippe antun würde, wenn sich ihm die Gelegenheit zur Rache anböte und unter der Maske verzogen sich seine Lippen zu einem dämonischen Grinsen.

 

Einen Augenblick später änderte er jedoch seine Meinung.

Er würde doch nie aus diesem Gefängnis raus kommen. Warum sollte er sich also Gedanken über eine mögliche Rache machen?

Louis senkte traurig den Kopf. Mit einmal war er wieder ganz klein und einsam.

„Es ist hoffnungslos“, murmelte er traurig vor sich hin, „ich werde hier drin sterben und niemand wird mir auch nur eine Träne nachweinen.“

 

Der Gefangene begann leise zu schluchzen und seine Seufzer gingen schnell in ein lautes herzzerreißendes Weinen über, dass auch außerhalb seiner Zelle zu hören war.

Und so dauerte es nicht lange, da wurde die Zellentür auch schon aufgerissen und die beiden jungen Gefängniswärter stürmten wutentbrannt hinein.

„Was fällt dir ein, du Ratte?!“, schimpfte der eine.

„Sei gefälligst still und stör uns nicht bei unserer Mittagsruhe!“

Louis kauerte sich ängstlich zusammen.

„Bitte nicht weh tun! Ich bin ja schon ruhig“, stammelte er mit zittriger Stimme, doch die beiden Wärter ließen sich davon nicht beeindrucken.

„Sieh ihn dir an“, rief der zweite von ihnen nun höhnisch, „da hockt er wie ein Häufchen Elend und winselt wie ein Hund um Gnade.

„Na was ist, Kleiner?“, fragte der andere, „Willst du uns noch immer glauben machen, du seist der König von Frankreich? Haha! Das würde noch nicht mal ein Verrückter glauben, dass so ein winselnder Köter der König sein soll.“

Da fühlte Louis sich in seinem Stolz gekränkt und vergaß für einen Moment seine Furcht.

„Was fällt euch ein? Ich bin wirklich der König!“, schimpfte er.

Das hätte er besser nicht gesagt.

Der eine Wärter sah ihn grinsend an und meinte:

„So, du bist also der König. Ja? Nun, wir haben dich ja schon oft genug verprügelt und dein Blut sieht auch nicht anders aus, als das eines Bettlers.“

„Vielleicht haben wir ja nur nicht genug gesehen“, erwiderte der andere, „komm, laß uns mal genauer prüfen, ob an seinem Blut irgendwas majestätisches dran ist.“

Louis seufzte und wartete schon fast demütig darauf, dass nun die nächste Tracht Prügel über ihn hinein brach, doch es sollte noch viel schlimmer kommen.

 

Die beiden Wärter traten auf ihn zu, packten ihn, banden ihm die Hände und zerrten ihn aus der Zelle.

„Was wollt ihr von mir?“, stammelte Louis, doch er erhielt als Antwort nur ein unheilvolles Lachen.

 

Sie brachten ihn hinunter in die Folterkammer und als sie dort ankamen, erschrak Louis beinahe zu Tode.

„Nein, nein! Das könnt ihr nicht machen!“, schrie er.

„Doch, das können wir“, war die Antwort und dann nahmen sie ihm die Handfesseln ab, zogen ihm das Oberteil aus und schnallten ihn trotz aller Widerspenstigkeit auf die Folterbank.

 

Louis zitterte vor Angst am ganzen Leib. Sein Kopf war zwischen zwei Holzbalken eingeklemmt und so konnte er nicht sehen, was um ihn herum geschah. Er sah nur das, was direkt über ihm war.

Kurz darauf spürte er jedoch einen glühend heißen Schmerz auf seiner nackten Brust  und schrie qualvoll auf.

Der eine Wärter hatte ihm ein glühendes Messer auf die Brust gelegt und ließ dessen Klinge nun langsam am Oberkörper des Gefangen nach unten gleiten, wobei er eine Spur verbrannten Fleisches hinterließ.

Louis schrie dabei wie ein Wahnsinniger, doch diese Pein war noch harmlos im Vergleich zu dem, was dann noch folgte.

Mit Praktiken, wie Auspeitschen, hielten sich die beiden Wärter erst gar nicht auf. Sie legten gleich mit der Hardcore-Folter los.

Über der Folterbank hing eine massive Metallplatte, die obendrein mit spitzen Zacken übersät war. Sie war in etwa so groß das sie den Oberkörper eines Menschen abdecken konnte und konnte mit Hilfe einer Kurbel hoch und runter gelassen werden.

Die Wärter ließen sie nun langsam und genüßlich runter. Zunächst spürte Louis nur einen unangenehmen Druck auf der Brust, doch dieser nahm kontinuierlich zu und wandelte sich in einen höllischen Schmerz, den der Gefangene auch immer lauter kund tat. Die Metallplatte senkte sich immer tiefer und zerquetschte ihm die Brust. Man konnte das Knacken der Rippen hören, die unter dem Druck zersplitterten und links und rechts tropfte das Blut des Gefangenen von der Folterbank auf den Fußboden. An einem gewissen Punkt ging Louis Schreien in Röcheln über, denn der Druck auf seiner Brust raubte ihm den Atem. Wie von weitem hörte er das höhnische Lachen seiner Peiniger. Er war kurz vor der Bewußtlosigkeit... oder vor dem Tod? In diesem Moment wäre Louis auch dies recht gewesen, wenn die Qualen nur aufhören würden.

Doch er starb nicht und verlor auch noch nicht das Bewußtsein, bevor der Druck auf seiner Brust plötzlich nachließ. Die Metallplatten wurde wieder nach oben gezogen.

Louis verspürte jedoch keinerlei Erleichterung, denn er glaubte, dass nun eine andere, nicht weniger schlimme, Pein folgen würde. Dann gewahrte er jedoch, dass jemand mit den zwei Gefängniswärtern schimpfte. Louis war zu benommen, um alles zu verstehen, doch dieser jemand schien die Folter zu mißbilligen.

 

Der ältere Gefängniswärter sah seine beiden jungen Kollegen wutentbrannt an.

„Was fällt euch eigentlich ein, den Gefangenen hier fast zu Tode zu foltern?!“, schimpfte er. „Ihr seid wohl nicht mehr ganz dicht!“

Die beiden jungen Wärter sagten nichts, sondern drucksten nur herum. Der Ältere jedoch fuhr in herrischem Tonfall fort:

„Dieser Gefangene stammt aus Zelle 78. Richtig? So und auf dieser Etage bin ich der Oberaufseher und ich dulde nicht, dass meine Gefangenen in irgendeiner Weise mißhandelt werden! Und jetzt holt ihn gefälligst da runter!“

Die beiden Wärter gehorchten und holten den blutüberströmten Louis von der Folterbank runter. Dessen Brustkorb war ein einziger Brei aus blutigem Fleisch, aus dem hier und da einige Rippensplitter hervor guckten. Es war ein widerlicher Anblick und Louis war so geschwächt, das er nicht einmal mehr schreien konnte. Er stöhnte nur noch qualvoll, wobei ihm ständig Blut aus dem Mund floß. Es war ein höchst bizarrer Anblick, wie das Blut aus der Mundöffnung der Maske tropfte. Der ältere Gefängniswärter schickte einen der beiden jungen los, damit er einen Arzt holte. Dann trug er den Gefangenen zusammen mit dem zweiten jungen Wärter zurück in seine Zelle.

 

Dort angekommen legten sie Louis auf das Bett. Der Gefangene befand sich längst in einem nebligen Dämmerzustand. Ein Umstand, der sicher nicht der schlechteste für ihn war, denn so nahm er die Schmerzen nicht mehr richtig war und litt an ihrer Stelle mehr an einem allgemeinen, diffusen Unbehagen. Ihm tat alles weh, doch dieser Schmerz umhüllte ihn zugleich wie eine schützende Decke und betäubte ihn.

Doch unabhängig davon, wie stark Louis den Schmerz wahrnahm, war sein körperlicher Zustand äußerst kritisch. Tatsächlich war er dem Tode näher als dem Leben. Der ältere Wärter kniete neben ihm nieder, nahm seine Hand und begann, ihm gut zuzureden. Der Arzt würde jeden Moment da sein, versicherte er in einem fort.

Doch dann bemerkte er, das Louis in hastigem Tonfall höchst eigenartiges Zeug vor sich hin stammelte.

„Nein“, schimpfte er im Delirium, „Ich will heute kein Latein lernen. Lateinuntericht ist total öde.“

Und völlig zusammenhanglos ging es weiter.

„D’Artagnan, hat meine Garde auch ihre Paradeuniformen angelegt?... Nein, heute kein Rebhuhn. Ich bevorzuge Flugente.“

Der jüngere Wärter, der in der offenen Tür stand, konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, doch sein älterer Kollege war zutiefst bewegt. Sicher, Louis phantasierte in diesem Moment. Er durchlebte noch einmal in sinnloser Reihenfolge verschiedene Augenblicke seines Lebens, doch wie konnte er so etwas phantasieren, wenn er nicht der echte König, sondern nur dieser Betrüger war, wie alle behaupteten? Der Wärter nahm die linke Hand des Gefangenen in die seinigen und streichelte sie behutsam.

„Haltet durch, Majestät“, flüsterte er eindringlich, „der Arzt kommt gleich.“

Er war nun davon überzeugt, das dieser Gefangene nicht verrückt war, wie all seine Kollegen behaupteten, sondern tatsächlich der König.

 

Wenige Augenblicke später traf endlich der Arzt ein. Der Wärter trat bei Seite und der Mann, der zum Glück auch über chirurgische Kenntnisse verfügte, begann, Louis zu verarzten.

Es ist schwer zu sagen, wie es dem Arzt gelang, das Leben des Gefangenen zu retten, doch er schaffte es. Er schnitt Louis‘ Brust auf, entfernte kleinere Rippensplitter und flickte die größeren mit Draht wieder zusammen. Anschließend schnitt er nicht mehr zu rettende Haut- und Fleischfetzen weg und nähte anschließend die tiefen Wunden zu. Danach hatte Louis kreuz und quer auf seiner Brust verteilt etwa ein Dutzend Narben, die von dunklen Fäden zusammen gehalten wurden und erinnerte in diesem zusammengeflickten Zustand auf bizarre Weise an eine Kreatur von Doktor Frankenstein. Zum Schluß desinfizierte der Arzt noch die frischen Narben und legte Louis anschließend einen dicken Verband an.

Dann erhob er sich mit einem erleichterten Seufzer.

„Dieser Junge ist ganz schön stark. Er wird wieder gesund werden“, verkündete er. Der Wärter nickte froh und antwortete:

„Ja, der König stirbt nicht so einfach.“

„Sagt bloß, ihr glaubt diesem armen Irren“, entgegnete der Arzt überrascht.

„Allerdings, das tue ich. Dieser Mann hier ist Louis XIV von Frankreich und niemand sonst. Ich bin nur ein einfacher Gefängniswärter und kann gegen ein geballte Front von Verrätern und Ignoranten, die nichts sehen und hören wollen, nichts ausrichten, aber ab sofort steht dieser Mann unter meinem persönlichen Schutz. Ich werde nicht zulassen, dass man ihn noch mehr quält oder ihm weh tut.“

Der Wärter stellte sich vor das Bett des kranken Louis und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Der Arzt schüttelte nachsichtig den Kopf, denn er war davon überzeugt, dass der Wärter einem Schwachsinnigen aufgesessen war und verließ mit dem jüngeren Wärter die Zelle.

Als sie so alleine waren, kniete der Wärter nochmals neben Louis nieder, streichelte dessen Hand und sagte:

„Ich habe von jetzt an die Aufsicht über euch. Ich kann euch euren Thron nicht zurück geben, aber ich kann alles in meiner Macht stehende tun, um euch vor weiteren Übergriffen zu schützen und euch das Leben hier so sehr zu erleichtern, wie es nur geht.“

Der gutherzige Wärter wußte nicht, ob Louis ihn verstanden hatte. Er nahm die Hand des Königs und küßte sie nach höfischer Sitte. Dann verließ er die Zelle und schloß die Tür ab.

 

 

4.      Kapitel: Louis‘ Wandlung

 

Louis erholte sich langsam aber beständig. Der Gefängniswärter schrieb indessen an Philippe und beschwerte sich ausführlich über die Behandlung seines Schützlings. Der König, der von all dem nichts gewußt hatte, reagierte entsprechend betroffen. Er ließ Athos, Portos und Aramis zu sich rufen und hielt ihnen das Schreiben des Wärters entgegen.

 

„Was sagt ihr dazu?!“, fragte er harsch.

„Eine unschöne Geschichte“, meinte Aramis einfach.

„Eine unschöne Geschichte?! Eine Sauerei ist das! Ich habe angeordnet ihn gut zu behandeln und was muß ich nun erfahren? Ich glaub’s einfach nicht!“

Philippe ging nervös auf und ab und versuchte vergeblich, sich zu beruhigen. Schließlich ließ er sich auf einen Hocker nieder und vergrub das Gesicht in den  Händen.

„Ihr müßt das verstehen“, sagte er mit zittriger Stimme, „ich weiß er hat schlimme Dinge getan und dafür hat er Strafe verdient, aber er ist dennoch mein Bruder. Der Gedanke daran, dass er so sehr leidet tut mir im Herzen weh. Ich kann es nicht ändern.“

Aramis blickte irritiert auf Philippe.

„Aber Majestät, Louis war ein Mistkerl, ein gemeiner Tyrann. Warum habt ihr Mitleid mit ihm?“, fragte er.

Philippe hob den Kopf. Seine Augen hatten einen feuchten Glanz angenommen.

„Was erwartet ihr von mir?“, fragte er. „Soll ich mit meinem Volk Mitleid haben, aber nicht mit dem eigenen Bruder? Wo ist da die Logik? Ich sehe sie nicht.“

Der König erhob sich.

„Und jetzt laßt mich bitte allein.“

 

Die Musketiere gehorchten und verließen das Zimmer. Kaum waren sie draußen, meinte Portos beiläufig:

„Vielleicht ist er ja ein bißchen zu gutherzig.“

„Lieber ein bißchen zu gutherzig als viel zu kaltherzig“, entgegnete Athos.

„Das ist wohl wahr“, mischte sich jetzt auch Aramis ein, „doch das könnte ihm noch gefährlich werden. Philippe ist im Prinzip ein offenes Buch. Er sollte gerade seine Gefühle für Louis tief in sich verbergen, sonst fliegt der Schwindel ganz schnell auf.“

„Dieser Gefängniswärter weiß ja schon Bescheid“, meinte Portos, doch Aramis entgegnete:

„Das macht nichts. Jeder Wärter in der Bastille weiß, dass der Gefangene behauptet, er sei der König und sie halten ihn alle für verrückt. Wenn nun dieser eine Wärter Louis Glauben schenkt, dann werden ihn seine Kollegen ebenfalls für verrückt erklären. Nichts weiter.“

„Na wie auch immer“, meldete sich jetzt wieder Athos zu Wort, „im Prinzip hat Philippe ja Recht. Die haben kein Recht, Louis so zu behandeln. Sich an einem wehrlosen Gefangenen zu vergehen ist ohnehin würdelos.“

„Das wundert mich ja jetzt, dass ausgerechnet du sowas sagst“, antwortete Portos, „Ich dachte nämlich, dass gerade du Louis am liebsten in seine Einzelteile zerlegen würdest.“

„Das würde ich auch gerne“, entgegnete Athos, „aber nicht wenn er längst besiegt ist. Ich vergreife mich jedenfalls nicht an einem wehrlosen Gefangen. Ich habe nämlich noch Ehre im Leib.“

Portos machte nur eine wirsche Geste.

„Ach was. Ehre im Leib ist ja ganz schön und gut, aber ich hätte momentan vorallem gerne einen Schweinebraten im Leib. Kommt, laßt uns eine Spelunke in der Stadt aufsuchen. Ich könnte jetzt ein bißchen Spaß gebrauchen.“

„Du meinst, du hättest mal wieder Lust, dich anständig zu betrinken um dann eine ordentliche Keilerei anzufangen“, antwortete Aramis trocken und Portos entgegnete grinsend:

„Wenn du es so ausdrücken willst...“

„Na gut, dann laßt uns gehen, bevor Athos noch auf die Idee kommt, zusammen mit Philippe eine Hilfsorganisation für Louis zu gründen.“

„Haha. Sehr witzig“, kommentierte Athos leicht beleidigt. Dann begaben sich die drei Freunde wie besprochen in die Stadt. Natürlich nicht ohne sich vorher beim König abzumelden.

 

Was die Hilfsorganisation betraf, so hatte Louis ja im Prinzip schon eine, die sich um ihn kümmerte, auch wenn diese nur aus einem einzelnen Mann bestand.

Der Gefängniswärter tat alles, um seinem Schützling das Leben im Gefängnis so angenehm wie möglich zu gestalten und ihn vor weiteren Übergriffen zu beschützen. Er hatte Louis neue Wolldecken und mehrere Bücher zum Lesen mitgebracht. Außerdem offerierte er ihm jede Woche eine Flasche Wein, die er aus eigener Tasche bezahlte.

Louis, der sich langsam von seinen schweren Verletzungen erholte, war hin und her gerissen, zwischen dem Gefühl der Erleichterung darüber, dass er an diesem kalten, feindseligen Ort einen Freund gefunden hatte und dem Wunsch nach mehr. Manchmal dachte er sich, dass es doch abartig sei, dass er jetzt schon für ein paar warme Decken dankbar war, wo er doch eigentlich auf dem Thron Frankreichs sitzen sollte.

 

Eines Tages, der Wärter war gerade damit beschäftigt, Louis‘ Zelle von dem gröbsten Ungeziefer zu reinigen, sprach er diesen darauf an.

Wißt ihr“, hob er an, „ich bin euch wirklich sehr dankbar dafür das ihr euch so gut um mich kümmert, aber dennoch ist dies nicht der Platz an dem ich sein sollte.“

„Ich weiß Majestät“, antwortete der Wärter, während er einige Spinnweben von der Wand kratzte.

„Ihr nennt mich Majestät“, fuhr Louis fort, „aber die anderen sollten es auch tun. Nicht nur ihr. Versteht ihr? Es kann nicht mein Ziel sein, den Rest meines Lebens hier drin so angenehm wie nur eben möglich zu verbringen. Ich muß mir das zurück holen, was allein mir von Rechts wegen gebührt. Ich muß wieder König sein.“

Der Wärter drehte sich um, sah Louis an und seufzte.

„Ich verstehe das sehr gut Sire, nur leider kann ich nicht mehr für euch tun, als das, was ich bereits tue. Ich bin nur ein einfacher Gefängniswärter.“

„Wenn ich erst mal wieder König bin, könnte ich euch zu wesentlich mehr machen.“

„Sehr wohl Majestät. Das ändert nur nichts daran, dass ich im Moment keine Mittel habe, um euch die Macht zurück zu geben.“

Louis wurde wütend.

„Aber mich wie ein Kind verhätscheln, das könnt ihr! Tag für Tag zeigt ihr mir mit eurer Fürsorge, dass ich keinerlei Macht mehr habe, dass ich den Launen der anderen schutzlos ausgeliefert bin und das selbst ein Bettler sich als mein Beschützer aufspielen könnte!“

Nun wurde auch der Wärter wütend.

„Kein Wunder, dass ihr hier gelandet seid“, schrie er Louis an, „Ihr beleidigt ja sogar die, die euch nur helfen wollen!“

Und mit diesen Worten verließ der Wärter wutentbrannt die Zelle und schlug die Tür mit lautem Knall hinter sich zu.

 

Louis war einen Moment lang völlig perplex, dann bereute er sofort sein Verhalten. Der Wärter hatte Recht. Wie konnte Louis ihn nur so beschimpfen, wo er doch der einzige Mensch war, der noch zu ihm hielt? Louis sprang auf und lief zur Tür.

„Es tut mir leid!“, schrie er, „Hört ihr?! Es tut mir leid!“

Doch nichts geschah.

Da legte sich Louis wieder auf sein Bett und starrte traurig an die Decke. Was wenn er es nun geschafft hatte, den letzten Menschen zu vergraulen, dem er noch etwas bedeutet hatte?

„Ich bin so dumm“, dachte Louis, „Immer mache ich alles falsch. Jetzt bin ich wahrscheinlich ganz allein. Warum? Warum nur, geht bei mir am Ende immer alles nach hinten los? Ach wäre ich doch nur etwas geschickter im Umgang mit meinen Mitmenschen, ich wäre jetzt gewiß nicht hier.“

Der Gefangene fing an zu weinen, erst leise und dann immer lauter.

Schließlich wurde die Tür aufgeschlossen und zwei ihm wohl bekannte Männer traten ein.

„Nein. Nicht ihr“, stöhnte Louis.

Die beiden jungen Wärter sahen sich grinsend an.

„Na was ist denn?“, fragte der eine, „Hat unser kleiner Irrer mal wieder einen Grund zum Flennen gefunden? Das hatten wir ja schon lange nicht mehr.“

„Ja“, fügte der andere hinzu, „wir haben es schon richtig vermißt. Na komm. Heul noch ein bißchen. Los, tu’s für uns.“

Die beiden Wärter klopften sich gegenseitig beifällig auf die Schulter und lachten ein rohes und gemeines Lachen. Einer von ihnen ging auf Louis zu, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn kräftig.

„Na los! Heul schon!“, schrie er ihn dabei an.

Louis biß sich auf die Lippen. Er wollte nicht weinen, doch da fingen die beiden Wärter schon wieder an, auf ihn ein zu prügeln.

Als sie jedoch gerade richtig brutal werden wollten, erschien plötzlich der ältere Wärter in der Zelle.

Laßt ihn sofort in Ruhe!“, schimpfte er und jagte die beiden aus der Zelle. Dann nahm er Louis vorsichtig in den Arm.

„Es tut mir leid. Es tut mir so leid“, stammelte Louis, „Bitte. Ich will nicht auch noch den letzten Freund verlieren, der mir geblieben ist. Könnt ihr mir verzeihen?“

Der Wärter lächelte milde und streichelte zärtlich die Hand des Gefangenen.

„Aber natürlich verzeihe ich euch. Ihr seid doch inzwischen für mich fast so etwas wie ein Sohn geworden.“

Louis hob den Kopf und sah den Wärter mit wässrigen Augen an.

„Dann habt ihr Gefühle für mich, die eigentlich meine Mutter haben sollte.“

Ein Zittern ging durch Louis Körper. Er preßte sein maskiertes Gesicht gegen die Brust des Wärters und fing wieder an zu weinen. Doch diesmal weinte er vor Rührung, weil es tatsächlich einen Menschen auf der Welt gab, der etwas für ihn empfand. Der Wärter verstand, was in diesem Moment in dem jungen Monarchen vorging und er nahm ihn in die Arme, streichelte ihn sanft und redete beruhigend auf ihn ein.

„Ihr werdet sehen, es wird alles gut“, sprach er in sanftem Tonfall, „Ich werde alles versuchen, um für euch Gnade zu erwirken und ich bin sicher, wenn ihr Reue zeigt und die Absicht euch zu bessern, dann werdet ihr sie auch bekommen.“

Louis nahm etwas Abstand und sah den Wärter an.

„Ja“, sagte er mit noch immer etwas zittriger Stimme, „Ich will mich bessern. Könnt ihr mir beibringen, ein guter Mensch zu sein?“

Zur Antwort lachte der Wärter nur herzlich und drückte Louis noch einmal an sich.

„Ich will es versuchen“, antwortete er schmunzelnd.

 

Von da an gab sich Louis alle Mühe, sich anständig zu verhalten. Er hörte auf, ständig mit irgendwelchen Gefühlsausbrüchen auf sich aufmerksam zu machen, hielt sich artig an alle Vorschriften und las jede Menge Bücher. Mit seinem Wärter führte er abends oft stundenlange Gespräche, meistens basierend auf etwas, dass er in seinen Büchern gelesen hatte. Da konnte es mitunter zu sehr interessanten Diskussionen kommen und obwohl der Wärter nur ein einfacher Mann war, der nicht über Louis‘ Bildung verfügte und auch kaum lesen und schreiben konnte, war er doch oft derjenige, der in der Argumentation die Nase vorne behielt.

 

Eines Tages begab sich der Gefängniswärter zum Schloß. Er wollte einen ersten Versuch starten und beim König für Louis vorsprechen. Dabei ahnte er ja nicht, wie schwer es sein würde, überhaupt zum König vorgelassen zu werden.

 

Als er vor den Palastanlagen ankam, wurde er am Tor von den wachhabenden Soldaten erst mal, auf Grund seiner doch recht schäbigen Kleidung, sehr kühl empfangen.

„Wer seid ihr und was wollt ihr?“, fragte der eine barsch, „Wir haben hier nämlich keine Zeit für Bettler.“

Der Wärter reagierte entsprechend beleidigt.

„Ich bin kein Bettler, ich bin Gefängnisaufseher in der Bastille“, antwortete er.

„Dafür haben wir auch keine Zeit“, erwiderte der Soldat und grinste überheblich.

Das war typisch. Wenn man nicht zum Hof gehörte oder zumindest wohlhabend aussah, benahmen sich selbst die niedersten Lakaien einem gegenüber noch hochnäsig. Der Gefängniswärter ließ sich von dem herablassenden Gehabe der Wachen jedoch nicht beeindrucken und trug statt dessen sein Anliegen vor.

„Ich muß den König sprechen“, sagte er, „und zwar unter vier Augen.“

Jetzt brachen die beiden Soldaten in schallendes Gelächter aus.

„Den König! Unter vier Augen!“, rief der eine und schlug sich dabei johlend auf die Schenkel, „Aber natürlich! Da könnte ja jeder kommen.“

„Es ist sehr wichtig“,entgegnete der Wärter ungerührt, „es geht um einen sehr speziellen Gefangenen, einen Hochverräter.“

Die beiden Soldaten hörten mit einem Schlag auf zu lachen. Statt dessen begannen sie nun aufgeregt mit einander zu tuscheln.

„Ich glaube, er meint diesen durchgeknallten Doppelgänger, der sich für den König ausgegeben hat“, meinte der eine, „hast du von dem gehört?“

„Klar, hab ich. Man sagt, er müsse deshalb eine Maske aus Eisen tragen.“

„Quatsch. Die ist aus Kupfer. Das weiß ich ganz genau.“

„Nein, aus Eisen. Du bist mal wieder total schlecht informiert.“

„Und ich sage dir, es ist doch Kupfer.“

„Eisen!“

„Kupfer!“

„Eisen!“

„Kupfer!“

„Ei....“

„Hört auf!“, schrie der Wärter genervt dazwischen, „Sie ist aus Eisen.“

„Siehst du? Hab ich’s doch gesagt“, sagte der eine Soldat zu seinem Kollegen und verschränkte selbstzufrieden die Arme vor der Brust.

Der Wärter schüttelte verständnislos den Kopf. Und so ein kindisches Gesindel bewachte also das Schloß.

„Also“, fragte er, „was ist nun? Werde ich jetzt zum König vorgelassen oder nicht?“

Die beiden Wachen nahmen wieder eine einigermaßen angemessene Haltung ein und der eine von ihnen antwortete: „Das können wir nicht entscheiden, aber wir können euch im Schloß anmelden.“

„Gut. Dann würde ich das lieber jetzt als nachher erledigt wissen.“

„Folgt mir.“

Der Wachmann wies rasch einen zufällig vorbei gehenden Soldaten an, seinen Posten zu übernehmen, dann führte er den Gefängniswärter zum Schloß.

 

Philippe saß in seinem Arbeitszimmer und war dabei, diverse Korrespondenzen durch zu sehen. Vorwiegend handelte es sich dabei um Briefe verschiedener Beamter, die er in die einzelnen Provinzen seines Reiches geschickt hatte, damit sie die dortigen Stimmungen erkundeten. Philippe wollte nämlich wissen, wie man im Land auf seiner Steuerreformen reagierte. Das Ergebnis war dann wie erwartet ausgefallen. Das einfache Volk fand die Reformen klasse und der Klerus und die Aristokratie hätten sie am liebsten zum Mond geschossen. Das war dem jungen König jedoch relativ egal. Von den Idealvorstellungen, die ihm seine drei Befreier eingetrichtert hatten, geprägt, war Philippe der Meinung, dass das Wichtigste sei, sich mit dem einfachen Volk gut zu stellen. Mit der Oberschicht würde er sich bei Zeiten schon noch arrangieren.

Schließlich legte Philippe den letzten Brief bei Seite und lehnte sich entspannt zurück.

„Gut“, lobte er sich selbst, „ich mache das wirklich gut. Jetzt sieht das Finanzwesen doch schon viel besser aus und einen wirtschaftlichen Aufschwung haben wir auch schon.“

Philippe stand auf und begann fröhlich im Zimmer herum zu tanzen, wobei er die ganze Zeit eine bestimmte Melodie pfiff, die er noch von seiner Zeit im Gefängnis kannte. Einer der Wärter hatte sie ständig auf seiner Laute gespielt, wenn er Wache hatte. Zwar wußte Philippe nicht, woher das Lied stammte, doch es war eine sehr schöne, fröhliche Melodie, die ihn oft im Gefängnis aufgemuntert hatte. Mittlerweile hatte er auch einen eigenen Text dazu gedichtet und begann nun auch noch mit kindlicher Heiterkeit zu singen:

 

Die Dunkelheit hab ich besiegt

Bin ins Licht gegangen

Drum sing ich froh, wie’s mir beliebt

Denn nicht länger bin ich gefangen.

 

Kalt und düster war’n Tag und Nacht

Doch das ist nun vorbei

Nun ist die Zeit, da für mich die Sonne lacht

Denn ich bin endlich frei.

 

Ja, Freiheit ist das höchste Gut

Das ich auf Erden fand

Und so tanz ich hier voll Übermut

in diesem wundervollen Land.

 

Dabei drehte sich Philippe lustig im Kreis und klatschte vergnügt in die Hände. In diesem Moment war er nicht der König von Frankreich, sondern einfach ein Junge, der das Leben und seine Freiheit besingt.

Er war so sehr mit seinem kleinen Freudentanz beschäfigt, dass er erst beim dritten mal wahr nahm, dass jemand von außen an die Tür klopfte.

Philippe hörte schlagartig auf zu singen, stellte sich kerzengerade hin und setzte ein möglichst ernstes und majestätisches Gesicht auf. Dann rief er er mit fester Stimme:

„Herein!“

 

Die Tür wurde geöffnet und herein trat sein erster Sekretär. Philippe war von diesem Besuch überrascht und er ahnte, dass es sich um etwas sehr wichtiges handeln mußte.

„Was gibt es?“, fragte er freundlich und streng zu gleich.

„Sire“, antwortete der Gefragte, „hier ist ein Gefängniswärter aus der Bastille, der meint, euch unter vier Augen sprechen zu müssen. Er sagt es ginge um einen Hochverräter, der dort inhaftiert ist.“

Philippe zuckte kaum merklich zusammen. Er konnte sich natürlich an fünf Fingern abzählen, dass mit diesem Hochverräter Louis gemeint war. Was wohl mit ihm los war?

In diesem Augenblick trat der Gefängniswärter aus dem Schatten des ersten Sekretärs und verneigte sich tief.

„Meine Verehrung, Majestät“, sagte er und sah den König dann erwartungsvoll an.

„Also gut“, sagte Philippe schließlich, indem er sich an den Sekretär wandte, „laßt uns bitte allein.“

Der Mann gehorchte und verließ mit zahlreichen Verbeugungen rückwärts das Zimmer.

 

Kaum war der Sekretär draußen, wandt sich Philippe an den Wärter.

„Nun, was ist mit diesem Hochverräter?“, fragte er und versuchte, nicht allzu neugierig zu klingen.

Die Antwort des Wärters fiel dann aber anders aus, als Philippe es erwartet hatte. Dieser lächelte nämlich süffisant und meinte zunächst nur:

„Also wer hier der Hochverräter ist, darüber müßten wir uns noch mal unterhalten.“

Der König wußte natürlich genau, worauf der Wärter mit dieser Bemerkung anspielte und es beunruhigte ihn, doch er gab sich unwissend.

„Was meint ihr damit?“, fragte er scheinbar arglos.

„Oh, ich denke, das wissen eure Majestät schon ganz genau“, antwortete der Wärter und machte dabei ein vielsagendes Gesicht.

Das ganze wurde Philippe nun unangenehm.

„Was wollt ihr von mir?“, fragte er und konnte dabei eine gewisse Panik in seiner Stimme nicht unterdrücken.

„Gar nichts, was euch schadet“, war die Antwort, „ ich bin nur ein einfacher Gefängniswärter und habe weder die Möglichkeiten noch Ambitionen Politik zu machen und schon gar nicht in der Größenordnung wie ihr und eure drei verschwörerischen Freunde.“

Philippe war ganz blaß geworden und der Gefängniswärter fuhr fort:

„Ich bin nur hier, um für euren Bruder um Gnade zu bitten.“

„Er ist nicht mein Bruder“, platzte Philippe heraus, „er ist nur ein verrückter Doppelgänger und ich bin der König.“

„Ihr braucht mir nichts vormachen“, antwortete der Wärter ruhig, „ich weiß Bescheid.“

Philippe ging einige Schritte rückwärts und ließ sich kraftlos auf einen Stuhl fallen.

„Also“, fragte er schließlich, „welchen Grund hätte ich, ihn zu begnadigen?“

„Ich habe ihm gesagt, wenn er sich Mühe gibt und sich bessert, dann könnte er vielleicht Gnade von euch erfahren“, erklärte der Wärter, „und er hat sich gebessert.“

Philippe zog die Stirn in Falten.

„Und jetzt soll ich wahrscheinlich so gerührt sein, dass ich ihn auf der Stelle begnadige. Was?“

„Majestät, er gibt sich wirklich Mühe. Bitte gebt ihm wenigstens eine Chance. Was glaubt ihr denn, was das für ein Gefühl sein muß, wenn er jetzt erfährt, dass all seine Mühe umsonst war.“

In diesem Moment sprang der König wie von einer Tarantel gestochen auf und schrie:

„Eine Chance?! Er hatte sechs Jahre lang seine Chance gehabt! Sechs Jahre, in denen ich seinetwegen im Gefängnis war! Er hätte sich die ganze Zeit besinnen und mich frei lassen können. Das war seine Chance! Jetzt ist es zu spät!“

Philippe begann zügig auf und ab zu gehen, um sich ab zu reagieren. Der Wärter sagte nichts. Im Grunde konnte er diesen jungen Mann ja verstehen. Jahrelang war er unschuldig eingekerkert gewesen und jetzt verlangte jemand von ihm, dass er denjenigen begnadigte, der ihm das angetan hatte, nur weil der sich in letzter Zeit angeblich gebessert hatte. Der Wärter schüttelte den Kopf. Eigentlich war es doch naiv von ihm gewesen, zu glauben, der neue König würde Louis so einfach begnadigen, nach all dem was, dieser ihm angetan hatte. Er verstand das, doch er hatte eben auch gesehen, wie der arme Louis im Gefängnis mißhandelt worden war und das war auch nicht in Ordnung gewesen.

„Könnt ihr ihn denn nicht wenigstens in ein angenehmeres Gefängnis verlegen lassen?“, fragte er schließlich vorsichtig.

Philippe blieb stehen. Er hatte jetzt keine Kraft mehr. Wie in Zeitlupe wandte er dem Wärter sein Gesicht zu. Dieser sah nun nicht länger einen Ausdruck des Zorns oder einer sonstigen Erregung in den Augen des Königs. Stattdessen hatte Philippe nun einen nachdenklichen, melancholischen Blick, was den Wärter abrupt wieder hoffen ließ.

„Ich kann das hier und jetzt nicht entscheiden“, sagte Philippe schließlich, „bringt mich zu ihm. Ich muß wissen, ob er sich nur gebessert hat, um aus dem Gefängnis raus zu kommen oder weil er wirklich einsichtig geworden ist. Wenn ich sehe, dass er es ernst meint, werde ich ihn frei lassen.“

Der Gefängniswärter reagierte ganz überschwenglich. Er trat auf den König zu und küßte mehrmals dessen Hand.

„Danke Majestät“, sagte er immer wieder, „vielen Dank.“

Ein unsicheres Lächeln huschte über Philippes Gesicht.

„Ihr scheint ihn wirklich zu mögen, meinen Bruder“, meinte er und der Wärter antwortete:

„Sire, er ist für mich inzwischen fast zu einer Art Sohn geworden.“

Da mußte Philippe nun wirklich lächeln.

„Wartet draußen vor den Toren auf mich“, befahl er, „wir reiten zur Bastille.“

„Wie ihr befehlt, eure Majestät“, antwortete der Wärter froh und entfernte sich.

 

5.      Kapitel: Begnadigung

 

Einen Moment lang stand Philippe noch gedankenverloren da, dann rief er laut nach einem Kammerdiener.

Dieser erschien sofort und der König wies ihn an:

„Bringt mir meinen Mantel und laßt mein Pferd satteln. Ich habe etwas wichtiges zu erledigen.“

„Sehr wohl, Sire“, antwortete der Kammerdiener und verließs sofort wieder den Raum.

Philippe setzte sich noch einmal hin. Wie würde sein Wiedersehen mit Louis wohl verlaufen? Er wünschte sich sehr, dass sich sein Bruder wirklich aus Überzeugung geändert hatte und dass er tatsächlich einsichtig geworden war.

„Wie schön das doch wäre“, murmelte Philippe vor sich hin.

Er war von Natur aus ein friedfertiger Mensch und er spürte in seinem Inneren, dass ihn eine Versöhnung mit Louis weit mehr befriedigen würde als die Rache.

Philippe griff in eine Innentasche seines Samtrocks und holte einen Schlüssel heraus. Es war der Schlüssel für die Maske, den er ständig bei sich trug. Er ließ ihn langsam zwischen seinen Fingern hin und her gleiten, während er ihn nachdenklich betrachtete. Konnte es tatsächlich sein, dass ein dummer Schlüssel so viele Schicksalstüren öffnen oder versperren konnte? Die Pforte zur Macht, zur Einsamkeit, zur Qual, zur ewigen und tiefsten Zwietracht und nun vielleicht sogar zur Versöhnung; all diese Türen konnte er öffnen oder versperren, dieser eine kleine Schlüssel.

Philippe hatte mit einmal das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes das gesamte Schicksal Frankreichs und das seiner Familie in den Händen zu halten und plötzlich fühlte sich der Schlüssel ganz schwer an. Miteinmal sah er auch gar nicht mehr aus, wie ein normaler Schlüssel, sondern wie ein widerliches kleines Insekt, ein bösartiges Insekt, das gemein ist und sticht. Philippe konnte den Anblick dieses kleinen Metallmonsters, dass soviel Unglück über ihn und seine Familie gebracht hatte, nicht länger ertragen. Er schloß seine rechte Faust um den Schlüssel, als wolle er diesen zerquetschen. Anschließend preßte er selbe Faust gegen die Stirn und fing an, bitterlich zu weinen.

 

Wenige Augenblicke später klopfte es an der Tür. Philippe zuckte zusammen, steckte hastig den Schlüssel wieder ein, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und rief:

„Herein!“

Es war der Kammerdiener.

„Majestät, euer Mantel“, verkündete dieser und hielt dem König dessen Mantel so hin, dass dieser nur noch hinein schlüpfen mußte.

Philippe erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Sofort wollte der Kammerdiener sich an den Knöpfen zu schaffen machen, doch Philippe wehrte ab und knöpfte den Mantel rasch alleine zu.

„Sire, ein Page wartet mit eurem Pferd draußen vor dem Schloß auf euch“, erklärte der Kammerdiener.

„Danke“, antwortete Philippe und verließ das Zimmer.

Der Kammerdiener schaute ihm irritiert nach. Der König schien ja überhaupt nicht geistig anwesend zu sein.

 

Als Philippe eilig durch die Gänge des Schlosses dem Ausgang zu eilte, traf er zufällig auf Portos.

„Nanu? Wohin so eilig, Majestät?“, fragte dieser erstaunt.

„Zur Bastille“, antwortete Philippe ohne stehen zu bleiben.

Sofort witterte Portos eine Gelegenheit zu seiner Unterhaltung.

„Soll ich mitkommen?“, fragte er deshalb in der Hoffnung, Philippe würde ja sagen, doch er wurde enttäuscht.

„Nein. Das ist eine Angelegenheit, die muß ich alleine regeln“, antwortete der König.

Portos versuchte seine Enttäuschung zu verbergen und fragte dann:

„Geht es um ihn?“

„Ja.“

„Ah“, Portos schöpfte wieder Hoffnung, „macht er etwa Ärger? Soll ich vielleicht doch mitkommen und ihn mal ordentlich durchprügeln?“

Nun blieb Philippe doch stehen. Er drehte sich abrupt um und sah Portos entsetzt an.

„Um Gottes Willen, nein“, antwortete er, „die Situation ist ganz anders. Bis nachher dann.“

Bevor Portos nochmal antworten konnte, hatte Philippe schon die Beine in die Hand genommen und war losgerannt. Er wollte jetzt einfach nicht noch länger mit Portos diskutieren. Hier handelte es sich um eine Sache zwischen ihm und Louis, die er alleine in die Hand nehmen mußte. Er wußte, dass seine drei Freunde aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich überhaupt nichts von einer Begnadigung halten würden und so sehr er sie auch mochte, er spürte, dass sie ihn zu sehr in dem Urteil, das er nun zu fällen hatte, beeinflussen würden. Doch das durfte nicht sein. Er allein mußte jetzt entscheiden, was mit Louis geschehen sollte. Ansonsten hätte er seinen Bruder ja auch gleich dem wütenden Volk übergeben können, was einem Todesurteil gleich gekommen wäre. Nein, er wollte jetzt von niemanden beeinflußt werden, wenn er Louis in Kürze gegenüber stehen würde. Er wollte nur in sich hinein horchen, um zu erfahren, was er wirklich wollte, Freundschaft oder Vergeltung.

 

Draußen wartete ein junger Page, der das fertig gesattelte und gezäumte Pferd des Königs am Zügel hielt. Philippe sprang sofort auf. Der Page hatte noch gerade Zeit, seinem König die Zügel zu überreichen, da preschte dieser auch schon los.

Am Haupttor traf Philippe auf den Gefängniswärter, der ebenfalls bereits im Sattel saß.

„Kommen sie!“, rief er und gallopierte sofort weiter.

Der Wärter gab seinem Pferd nun ebenfalls die Sporen und ritt neben dem König. Die beiden Torwachen sahen ihnen ungläubig nach.

 

„Was zum Teufel ist denn hier auf einmal los?“, fragte der eine, „Erst kommt dieser Wärter an und meint, er müsse den König unter vier Augen sprechen und jetzt reitet der König auf einmal davon, als wäre er auf der Flucht.“

„Vielleicht wachsen seinem verrückten Doppelgänger auf einmal Blumen auf der Maske und er muß sich das jetzt unbedingt mal ansehen“, mutmaßte der andere und beide brachen sofort in schallendes Gelächter aus.

 

Die Wahrheit sah natürlich um einiges weniger komisch aus. Die Situation war sehr ernst. Philippe wußte, dass er nun an einer Art Scheideweg stand und er ahnte, dass die Entscheidung, die er nun zu fällen hatte, seines und Louis Schicksal entscheiden würde und er wollte keinen Fehler machen, aber noch weniger wollte er noch länger warten und so trieb er sein Pferd zu Höchsttempo an. Der Gefängniswärter konnte kaum mithalten.

 

Als sie bei der Bastille ankamen, wurde Philippe mit einmal ganz eigenartig zu Mute. Irgendwie hatte er das Gefühl nach Hause zurück zu kehren. Es war sicher ein abartiges Gefühl, eine Perversion des erfüllten Heimwehs, doch er konnte dieses Gefühl nicht ganz abschütteln.

Alles wirkte so vertraut und strahlte fast schon eine beruhigende Atmosphäre aus. Wie einfach war doch das überschaubare Leben in einer Gefängniszelle im Vergleich zu dem bei Hofe, wo man sich ständig mit Neidern, Intrigen und Politik rumschlagen mußte.

Der Gefängniswärter hatte den veränderten Gesichtsausdruck des Königs bemerkt.

„Majestät, stimmt etwas nicht?“, fragte er deshalb.

„Nein. Alles in Ordnung“, antwortete Philippe, „gehen wir.“

Und so schritten sie beide durch den Hof auf das Tor zu, das zum Inneren dieses einer Festung gleichenden Gefängnisses führte.

 

Die Torwachen erkannten den König sofort und traten ohne ein Wort zu sagen, respektvoll bei Seite, wobei sie ihm jeweils einen der beiden Torflügel aufhielten. Philippe und der Wärter betraten das Gefängnis.

„In Ordnung“, sagte Philippe, „führt mich zu ihm.“

„Ja Sire.“

Der Wärter griff sich eine Laterne, die an der Wand hing und schlug den Weg ein, der zu Louis‘ Zelle führte. Der König folgte ihm in kurzem Abstand.

Als Philippe bemerkte, dass sie immer tiefer in die Kellergewölbe der Bastille hinunter stiegen, begann er zu schaudern. Welch grauenhafter Ort dies doch war. Es war kalt, feucht und dunkel und ein moodriger, fauliger Geruch lag in der Luft. Wie eine schwere Decke, schien er sich über alles und jeden zu legen. Hier war Louis also irgendwo untergebracht worden. Philippe spürte, wie ein Hauch von Mitleid in ihm aufstieg, doch bevor er sich noch weitere Gedanken machen konnte, standen sie schon vor der Tür zu Louis‘ Zelle.

 

„Hier ist es“, verkündete der Wärter und ohne eine Antwort abzuwarten, schloß er die Tür auf.

„Du hast Besuch!“, rief er laut ins Innere der Zelle, während er im selben Moment eintrat. Philippe folgte zwei Schritte dahinter und dann sah er Louis. Er hatte keine Mühe, sich in der relativen Dunkelheit der Zelle zu orientieren, denn seine Augen waren ja diesbezüglich geübt, doch was er sah, schockierte ihn.

Obwohl Louis nur wenige Monate bisher im Gefängnis zugebracht hatte, sah er doch weitaus elender aus, als Philippe nach sechs Jahren; ein Umstand, der wohl auf die zahlreichen Mißhandlungen zurück zu führen war. Seine Kleidung war völlig zerrissen und an vielen Stellen von getrocknetem Blut dunkelrot gefärbt. Er wirkte abgemagert, obwohl Philippe befohlen hatte, ihm anständig zu Essen zu geben.

Während Philippe noch fassungslos auf seinen Bruder starrte, trat dieser schließlich zögernd ein paar Schritte auf ihn zu. Dann kniete er nach höfischer Sitte nieder und bezeugte damit seine Unterwerfung und Ergebenheit. Es war das erste Mal seit seiner Krönung in Nôtre Dame, dass Louis vor irgendjemandem niederkniete.

Philippe war jedenfalls von dieser Geste so beeindruckt, dass er als erstes eine Frage stellte, die er so ganz sicher nicht geplant hatte.

„Wie steht es um eure Verletzungen?“, fragte er.

Louis war zunächst überrascht von dieser Frage, doch dann hob er sein Oberteil an und entblößte dabei Brust und Bauch.

Philippe verspürte einen kurzen Anflug von Abscheu, als er all die zugenähten Narben auf der Brust seines Bruders sah, doch dieses Gefühl wich schnell der Erleichterung, denn die Narben waren sauber und nicht entzündet. Tatsächlich schienen die Wunden sehr gut zu verheilen.

„Ganz gut“, antwortete Louis schließlich und ließ sein Oberteil wieder los.

Dabei fiel Philippe auf, dass Louis sein rechtes Handgelenk überhaupt nicht bewegte.

„Aber was ist mit eurer Hand?“, fragte er deshalb.

„Sie hatten mir das Handgelenk gebrochen“, antwortete Louis und hörte sich an wie jemand, für den solche Mißhandlungen mittlerweile zum Alltag gehörten, denn obwohl der alte Wärter ihn die letzten Wochen über beschützt hatte, hatten die beiden anderen doch stets Gelegenheiten gefunden, um Louis zu peinigen, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß, wie zuvor.

Philippe war jedenfalls schockiert und befand sich nun in einer Situation, die er sich ganz anders vorgestellt hatte. Eigentlich war er ja hergekommen, um von Louis so etwas wie eine Entschuldigung zu erhalten, doch nun hatte er auf einmal das Gefühl sich  vor seinem Bruder rechtfertigen zu müssen.

Auch Louis wußte nicht mehr recht, was er tun sollte. Er hatte erwartet, dass sich Philippe ihm gegenüber als überlegene Autorität aufspielen würde, als Sieger gegenüber dem Besiegten, doch mit dessen unschlüssiger und unsicherer Haltung konnte Louis nichts anfangen.

Schließlich brach Philippe als erster das Schweigen.

„Es tut mir leid, was Euch hier passiert ist“, sagte er, „das war nicht das, was ich für Euch vorgesehen hatte.“

Louis erhob sich und schüttelte betrübt den Kopf.

„Das ist gemein“, seufzte er.

„Ich weiß“, antwortete Philippe, „ich sagte doch eben, dass es mir leid tut.“

Louis schüttelte den Kopf.

„Nein, das meine ich nicht. Ich meine, ich bin doch derjenige, der sich entschuldigen sollte. Ich habe mir das auch fest vorgenommen, aber nun entschuldigt Ihr Euch auf einmal bei mir und wirkt dabei auch noch absolut unautoriär. Jetzt weiß ich nicht, wie ich reagieren soll.“

Philippe zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Bringt Ihr es etwa nur fertig, Euch zu entschuldigen, wenn ich euch mit Füßen trete?“, fragte er.

„Nein, natürlich nicht“, beeilte sich Louis zu versichern, „es ist nur... Ich war auf diese Situation einfach nicht gefaßt. Sie irritiert mich. Ich könnte mich jetzt entschuldigen, aber ich bin zu durcheinander, es würde nicht glaubhaft klingen.“

Da begann Philippe zu lächeln.

Laßt nur“, meinte er, „aussprechen könnt Ihr Eure Entschuldigung später immer noch. Entscheidend ist, was in eurem Kopf vorgeht und mir scheint, ihr seid tatsächlich vernünftig geworden.“

Der König trat nun hinter seinen Bruder. Instinktiv wollte Louis sich wieder zu Philippe umdrehen, doch dieser hielt ihn davon ab.

„Haltet still“, befahl er und Louis gehorchte mit einem leichten Schulterzucken.

Dann holte Philippe den Schlüssel für die Maske hervor und schloß diese damit auf. Der Wärter kam sofort zur Hilfe und nahm Louis die Maske vorsichtig vom Kopf.

Louis war einen Moment lang  wie erstarrt, dann riß er ruckartig den Kopf nach hinten und atmete tief durch.

Philippe trat nun wieder vor ihn und betrachtete ihn so demaskiert. Louis‘ Gesicht war von Schmutz und Schweiß dunkel gefärbt, die Haare waren zerzaust und schmutzig und er hatte dringend eine Rasur nötig. Allerdings sah er nicht ganz so verwahrlost aus, wie Philippe damals. Er hatte die Maske ja auch eine wesentlich kürzere Zeit lang getragen.

„Bin ich etwa frei?“, fragte er zaghaft.

„Ja“, antwortete Philippe lächelnd, „Ihr seid frei.“

Der Wärter schüttelte den Kopf. Unspektakulärer hätte dieses ganze Szenario kaum ablaufen können; keine großen Gefühlsausbrüche oder Gesten, wenn man mal von Louis Kniefall absah, sondern einfach nur eine schlichte Verständigung zwischen den beiden Parteien, die dadurch jedoch um so glaubwürdiger wirkte, eben gerade, weil sie ohne großes Tamtam abgelaufen war.

Im selben Moment überlegte Louis, wie er reagieren sollte. Er war sehr dankbar für seine Freilassung, das war klar, doch wie sollte er sich jetzt revangieren? Er hatte sich ursprünglich eigentlich vorgenommen, eine große Show abzuziehen, um bei seinem Bruder Eindruck zu schinden, doch das war gleich am Anfang gründlich daneben gegangen. Zwar hatte er mit seinem Kniefall durchaus eine Menge Eindruck geschunden, doch was nützt eine Geste der Unterwerfung, wenn der, dem man sich unterwarf, sich dann nicht auch als überlegener Herr aufspielte? Ein wenig hatte sich Louis zunächst sogar darüber geärgert, dass Philippe so milde, ja fast schüchtern gegenüber ihm reagiert hatte.

„Wozu mache ich eigentlich diesen Kniefall und erniedrige mich damit sogar selbst, wenn er dann nicht in der Lage ist, seinen Part richtig zu spielen?“, hatte er zunächst im Stillen gedacht.

Doch diese Einstellung war schnell der Scham darüber gewichen, dass er sich mit oberflächlichem Getue praktisch hatte einschleimen wollen. Wie billig das doch von ihm gewesen war, auch wenn es Philippe offenbar nicht so aufgefaßt hatte. Doch mit seiner natürlichen und sehr menschlichen Reaktion, hatte Philippe Louis unbewußt gezeigt, worauf es wirklich ankam; nämlich auf eine ehrliche Verständigung. Dazu brauchte man keine große Inszenierung. Natürlich waren große Gesten nicht falsch, solange sie nur von Herzen kamen, doch Louis mußte sich eingestehen, dass gerade dies bei ihm nicht der Fall gewesen war. Philippe hatte rausfinden wollen, ob Louis sich aus Überzeugung und Einsicht heraus gebessert hatte oder nur, weil er aus dem Gefängnis raus wollte. Das Problem war, dass Louis diese Frage selbst nicht genau beantworten konnte.

Doch das spielte nun im Grunde keine Rolle mehr, denn jetzt wußte Louis, dass er ein guter Mensch sein wollte, nicht um den anderen zu gefallen oder um seiner eigenen Vorteile Willen, sondern einfach, weil er es wollte. Er wußte, dass es richtig war.

Und so beließ er es diesmal bei einem etwas leise, aber dafür umso ehrlicher klingenden „Danke Majestät“.

Dabei neigte er noch leicht den Kopf.

Philippe lächelte milde und einen Moment lang war da dieses Band zwischen ihnen, das es früher nie gegeben hatte und das sie nun für einen kurzen Augenblick spüren ließ, was es tatsächlich heißt Geschwister zu sein. Sie versuchten beide, diesen Augenblick, dieses Gefühl zu bannen, doch leider vermochten sie es nicht.

Dennoch bestand nun eine solide Harmonie zwischen ihnen. Sie akzeptierten sich nun gegenseitig und ein bißchen mochten sie sich sogar.

Schließlich brach Philippe erneut das Schweigen.

„Jetzt müssen wir überlegen, wie es weiter gehen soll“, sagte er.

Louis nickte.

„Wenn wir das Geheimnis einfach lüften würden, wäre das vielleicht die Lösung“, überlegte Philippe laut.

„Wie lüften?“ Louis sah ihn irritiert an.

„Wenn wir bekannt machen würden, dass wir Zwillinge sind, dann lägen alle Karten auf dem Tisch und keiner könnte dieses Geheimnis mehr nutzen, um Intrigen zu spinnen.“

„Aber es könnte trotzdem zu Unruhen führen“, antwortete Louis, „einige Adlige könnten sich auf Eure Seite schlagen, andere auf meiner. Was glaubst du wohl, warum unser Vater deine Existenz geheim halten wollte?“

„Er war nicht unser Vater“, erwiderte Philippe melancholisch.

„Was meinst du damit?!“ fuhr Louis heraus.

„Das erzähl ich dir später. Jetzt müssen wir das hier erstmal klären. Du hast recht. Wenn das Geheimnis bekannt würde, könnte das zu Konflikten führen. Deshalb müssen die Verhältnisse geklärt werden. Wenn du ganz offiziell auf die Macht verzichtest und mir die Treue schwörst, dann wird es auch keinen Konflikt geben.“

Louis verzog das Gesicht.

„Ich Euch Treue schwören?“ erwiderte er „Ihr habt Euch gegen mich verschworen. Ja, nüchtern betrachtet habt ihr Hochverrat begangen und jetzt verlangt Ihr sogar von mir Euch die Treue zu schwören. Ihr seid ganz schön unverschämt.“

Philippe funkelte ärgerlich mit den Augen. So ganz geändert hatte sich Louis dann doch wohl noch nicht.

„Ihr könnt ja auch hier bleiben“ erwiderte er gereizt.

„Ach was. Den Thron habe ich ja in jedem Fall verloren“, antwortete Louis, „entweder bleibe ich hier im Gefängnis und werde nie mehr König sein oder ich schwöre Euch die Treue und werde dann auch nie mehr wieder König sein. Aber ich werde zumindest frei sein und das ziehe ich vor.“

„Also seid ihr einverstanden? Ihr werdet meine Herrschaft akzeptieren?“ fragte Philippe.

„Ja.“

 

 

To be continued