1.
Kapitel: Louis‘ Schicksal
In der zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts, hatte es in Frankreich einen Machtwechsel gegeben, der an
Dreistigkeit wohl kaum zu übertreffen war. Die damit verbundenen Ereignisse
waren so haarsträubend wie faszinierend.
Nachdem der junge Thronerbe Louis XIV
erfahren hatte, dass er einen Zwillingsbruder namens Philippe besaß, ließ er
diesen sofort nach seiner Krönung zum König von Frankreich verhaften und
einkerkern, um dessen Existenz für immer geheim zu halten. Doch diese Maßnahme
allein genügte ihm noch nicht und er ließ dem armen Bruder, der nichts von
seiner wahren Herkunft wußte, eine eiserne Maske
aufsetzen, um dessen Gesicht auf ewig zu verbergen.
Unglücklicherweise erwies sich der
junge Louis bald darauf als äußerst unfähiger und selbstsüchtiger Herrscher und
er geriet ausgerechnet, mit dem Mann in Konflikt, der einst seinen Auftrag,
Philippe zu verhaften und wegzusperren, ausgeführt hatte. Der Priester und
ehemalige Musketier Aramis entschied sich, den König gegen seinen
Zwillingsbruder auszutauschen, dem selben Bruder, den
er einst im Auftrag von Louis ins Gefängnis gebracht hatte.
Zusammen mit seinen beiden Kumpanen
Athos und Portos führte er den ungeheuren Plan durch. Zusammen befreiten sie
Philippe und tauschten Louis bei einem Maskenball gegen ihn aus und obwohl der
Schwindel aufflog, siegten sie am Ende doch, da sich seine gesamte Garde von
Louis abwandte, als sie die ganze Wahrheit erfuhren.
Nun war es Louis, der die Maske tragen mußte und von zwei Soldaten und einem Gefängnisaufseher
durch die Korridore der Bastille geschubst und gezerrt wurde. Von weitem
glaubte er noch den Siegesjubel seiner Feinde zu hören und der Haß, den er in diesem Moment gegenüber seinem Bruder und
dessen Freunden empfand, hätte nicht größer sein können. Gleichzeitig
durchflutete ihn ein Gefühl der Angst und Verzweiflung. Er spürte die festen
Griffe der beiden Soldaten, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, um seiner
Oberarme und hatte dabei das Gefühl, sie wollten ihm die Arme zerquetschen. Er
blickte von links nach rechts und dann wieder zurück.
„Hey, nicht so fest!“, schimpfte er und
versuchte dabei trotzig zu klingen, doch seine Stimme erklang nur zittrig und
wie ein klägliches Fiepsen.
Der eine Soldat verpaßte
ihm einen Schlag in den Unterleib. „Halt die Klappe!“, schimpfte er, während
der Gefangene sich vor Schmerzen krümmte. Die Soldaten scherten sich herzlich
wenig darum und zerrten ihn nun sogar noch energischer durch die Gänge.
„Ich bin der König“, jammerte Louis
verzweifelt, „Ich bin wirklich der König!“
„Das hast du schon mal gesagt“;
entgegnete der eine Soldat und stopfte ihm kurzerhand ein Tuch in den Mund.
Daraufhin resignierte Louis und ließ sich von nun an widerstandslos mitzerren.
Während sie zügig unterwegs waren, ließ
Louis seinen Blick umherschweifen. Das Gefängnis war ein grauenhafter Ort.
Überall hingen Spinnweben an den feuchten Steinwänden und allerlei Ungeziefer
krabbelte an ihnen empor. Es stank entsetzlich nach Verwesung und Exkrementen
und die Luft war erfüllt vom lauten Wehklagen der anderen Gefangenen. In
einigen der Zellen, an denen sie vorbei kamen, war es Louis möglich hinein zu
blicken und oft konnte er nicht sagen, ob die schrecklich verwahrlosten
Gefangenen im Inneren schon tot oder noch am Leben waren. Louis sah ihre
ausgemergelten Gesichter und ihre zerrissene Kleidung unter der ihr von der
Krätze befallener Körper hervorschien. Louis konnte
diesen Anblick nicht länger ertragen und so schloß er
schließlich die Augen.
Die Soldaten brachten ihn schließlich
in das Büro des obersten Gefängnisaufsehers. Als Louis die Augen wieder
öffnete, sah er den Aufseher vor sich an seinem hölzernen Schreibtisch sitzend
einige Dokumente durchlesen. Einer der Soldaten nahm Louis das Tuch wieder aus
dem Mund.
„Wo sollen wir den hier unterbringen?“,
fragte der Soldat den Oberaufseher. Dieser schaute langsam auf, als habe er den
Besuch erst jetzt bemerkt.
„Ach“, antwortete er sichtlich
gelangweilt, „da haben sie ihn also wieder eingefangen.
„Wieder eingefangen?!“, schnaubte Louis
ungehalten, „Ich bin...“
Weiter kam er nicht, denn der Soldat zu
seiner Rechten schlug ihm so heftig gegen die Brust, dass es ihm für einen
Moment glatt den Atem raubte. Louis sank stöhnend in sich zusammen, wurde aber
sogleich wieder aufgerichtet. Der Oberaufseher sah dessen Begleiter fragend an.
„Er ist ein bißchen verrückt. Er hält
sich für den König“, erklärte der Soldat, der Louis soeben geschlagen hatte.
„Ach so“, meinte der Oberaufseher
betont gleichgültig, „ja, ja, das Gefängnis kann einen schon verrückt machen.
Bringt ihn ganz nach unten, in Zelle 78, aber seid nett zu ihm. Tut ihm nicht
noch mehr weh. Der arme Teufel scheint ohnehin schon am Ende zu sein.“
Louis senkte den Kopf.
„Ja Monsieur“, antwortete der
Gefängniswärter und verließ den Raum. die beiden Soldaten folgten ihm mit ihrem
Gefangenen.
Louis wurde also runter ins unterste
Verlies gebracht. Es war kalt und feucht dort unten und ein fauliger Geruch
durchströmte die Korridore. Der Gefängniswärter mußte
ihnen mit einer Laterne leuchten, denn sonst hätten sie in dieser Dunkelheit
die eigene Hand vor den Augen nicht sehen können. Louis schauderte.
Schließlich blieb man am Ende eines
langen Korridors vor einer einzelnen Zellentür stehen. Der Gefängniswärter schloß sie auf und die beiden Soldaten schubsten Louis
unsanft hinein. Der Gefangene ging einige zögerliche Schritte auf das hintere
Ende seiner Zelle zu. Es gab keine Fenster in diesem Raum, doch im Schein der
Laterne des Gefängniswärters konnte er einen kleinen Abzugsschacht im hinteren
rechten Winkel seiner Zelle erkennen. Zu seiner Linken stand eine harte
Holzpritsche, auf der eine einzelne schon sehr verschlissene Wolldecke lag. Am
Fußende der Pritsche stand ein kleiner Holztisch und
daneben ein Hocker. Ansonsten gab es keine weiteren Möbel in der Zelle.
Auf dem Tisch stand ein zweiarmiger
Kerzenleuchter. Der Gefängniswärter holte zwei Kerzen aus seiner Tasche,
steckte sie in der Leuchter und zündete sie an. Dann
legte er noch einige weitere Kerzen und eine Schachtel mit Zündhölzern auf den
Tisch.
„Wenn die Kerzen alle sind, bekommst du
Nachschub“, sagte er.
Louis atmete erleichtert auf. Er hatte
schon befürchtet, er müsse nun für immer in völliger Dunkelheit leben.
Dann verließen der Wärter und die
Soldaten die Zelle und schlossen Louis darin ein. Dieser setzte sich
resignierend auf seine Pritsche, zog die Beine an den Körper, umschlang sie mit
den Armen und stützte seinen von der Maske umschlossenen Kopf auf die Knie.
Nach einer kurzen Weile legte er sich jedoch hin und schlief ein wenig, wobei
er sich mit fürchterlich Alpträumen herumschlug.
Später wurde er wieder geweckt, als die
untere Klappe an seiner Zellentür geöffnet und ein Tablett mit Essen hindurch
geschoben wurde. Louis blickte auf den Kerzenleuchter und erschrak. Er hatte
ganz vergessen, die Kerzen auszublasen, bevor er sich schlafen gelegt hatte.
Dabei mußte er doch sparsam mit dem Licht umgehen,
aber noch einmal würde ihm das nicht passieren.
Louis stand auf und holte sich das
Tablett ans Bett. Sein Abendmahl bestand aus einer Kartoffelsuppe, einem Stück
Brot, zwei Äpfeln und einem kleinen Krug Milch. Louis erinnerte sich an das,
was Philippe gesagt hatte: „... aber ernährt ihn gut.“ Offenbar hielt man sich
hier an diese Anweisung.
„Wenigstens etwas“, dachte sich Louis,
nahm einen der beiden Äpfel und wollte hinein beißen, als ihm plötzlich die
Maske im Weg war. Der Gefangene gab ein mißmutiges
Brummen von sich, denn nun wurde ihm klar, dass das Essen von nun an ziemlich
kompliziert sein würde. Dann nahm er jedoch den Löffel, der eigentlich für die
Suppe gedacht war und begann damit und mit seinen Händen, die Äpfel zu Mus zu
verarbeiten, den er dann zu essen im Stande war. Einen Moment lang überlegte
Louis in einem Anflug von Sarkasmus sogar, ob er sich die Äpfel nicht einfach
gegen sein maskiertes Haupt schlagen und sie so zermatschen sollte, doch er
ließ es bleiben.
Nachdem der Gefangene aufgegessen
hatte, stellte er das Tablett samt dem Geschirr wieder vor seine Zellentür und
legte sich dann erneut schlafen. Diesmal vergaß er nicht, das Kerzenlicht zu
löschen.
2.
Kapitel: Ein
neues Zuhause
Etwa zur selben Zeit, als Louis
sich in seiner Zelle schlafen legte, ritten Philippe und sein Gefolge durch die
dunklen Straßen und Gassen von Paris. Sie waren auf dem Weg zurück ins Schloß, doch der Weg war weit und Philippe, der als König
vorne weg reiten mußte, war schnell in Not geraten,
denn er kannte den Weg ja gar nicht. Er hätte seine drei Freunde fragen können,
die in den Schwindel eingeweiht waren, doch in seinem Gefolge befanden sich
auch einige Offiziere, die von dem Machtwechsel nichts wußten
und die er nicht mißtrauisch machen wollte, doch das
waren sie natürlich schon längst.
„Majestät“, ließ sich schließlich einer
von ihnen vernehmen, „wohin führt ihr uns? Dies ist nicht der Weg zum Schloß. Man könnte meinen, ihr seid stockbesoffen.“
Die übrigen Offiziere quittierten diese
Bemerkung mit beifälligem Gelächter und Philippe wußte
nicht, was er antworten sollte. Er fühlte wie Unsicherheit in ihm aufstieg und
die Angst, am Ende doch noch zu verlieren, doch da ritt Portos neben den
Offizier, der es gewagt hatte, seinen König zu verspotten.
„Wagt es ja nicht noch einmal, euch
über seine Majestät lustig zu machen“, raunte er, „sonst könnt‘ ihr gleich den Rückweg
zur Bastille antreten und euch dort in einer Zelle häuslich einrichten.“
Portos lächelte
süffisant und der Offizier zog nur wirsch die Oberlippe hoch.
In diesem Moment sah Philippe, dass
Athos an seine Seite geritten war und ihm nun aufmunternd zuzwinkerte.
„Reitet einfach. Ich werde euch den Weg
während dessen Stück für Stück unauffällig erklären, Majestät“, sagte er leise
zu Philippe, der erleichtert aufatmete. Dann wandte er sich an seine übrigen
Begleiter.
„Ich bin nicht betrunken und ich weiß auch
ganz genau, was ich will und was ich tue“, hob er streng an, „und wenn es noch
einmal jemand wagt, mich lächerlich zu machen oder mich auf irgendeine Weise in
Frage zu stellen, so darf er sich auf eine harte Strafe gefaßt
machen.“
Die Offiziere nickten eingeschüchtert
und Philippe lobte sich. Er hatte die erste Prüfung bestanden. Dann gab er
seinem Pferd erneut die Sporen und ließ sich von diesem Punkt an von Athos
durch die Straßen lotsen, ohne das der Rest des Trupps
etwas davon bemerkte.
So kamen sie schließlich beim Schloß an. Am Tor zum Schloßgarten
wurden sie von den wachhabenden Gardisten empfangen, die in der Dunkelheit
ihren König, der ohnehin einen Kapuzenmantel trug, nicht gleich erkennen
konnten. Einer der beiden wollte deswegen auch schon die scheinbaren Fremden
unwirsch nach ihren Absichten fragen, als er im Schein des Mondlichts gerade
noch rechtzeitig den König erkannte.
„Willkommen daheim, Majestät“, begrüßte
er seinen Herrscher und war sichtlich erleichtert darüber, dass er gerade noch an
einer großen Peinlichkeit vorbei geschlittert war. Dann öffnete er zusammen mit
seinem Kollegen das Tor und der König und sein Gefolge ritten hindurch.
Bald darauf waren im Schloß mehrere
Zofen damit beschäftigt, Philippe in seinen Privatgemächern zu entkleiden und
ihn für das abendliche Bad vorzubereiten. Dieser war zunächst wieder etwas
unsicher geworden, denn er hatte Angst, eine falsche Bewegung zu machen, die
ihn verraten könnte, doch dann hatte er sich entschieden, einfach das zu tun,
was Könige am besten können, selbst keinen Finger krumm machen und die anderen
machen lassen und damit tat er genau das richtige. Allerdings fühlte sich
Philippe dabei ziemlich unwohl. Man hatte ihn doch nicht auf den Thron gesetzt,
damit er nun den Lebensstil seines Bruders einfach übernahm. Bereits an diesem
Abend begriff Philippe, dass er nichts überstürzen durfte, wenn er keinen
Verdacht erregen wollte.
Während er so in Gedanken versunken
war, schlangen ihm zwei Zofen ein großes weiches Tuch aus edlem Leinen wie eine
Toga um seinen inzwischen nackten Körper. Dann wurde er in den Baderaum
geleitet.
Es handelte sich um einen großen Raum,
dessen einzelne Bereiche durch hauchdünne Vorhänge aus indischer Seide von
einander abgetrennt waren. Der gekachelte Fußboden war zu einem großen Teil mit
dicken roten Teppichen belegt, denn dem König sollte keinen Moment lang kalt an
den Füßen sein. An den Stellen, wo keine Teppiche lagen, konnte Philippe
kunstvoll gestaltete Blumenmotive auf den Fliesen erkennen. Der ganze Raum war erfüllt
von orientalischen Düften, die von vergoldeten Messingbecken ausgingen, die an
den Wänden aufgestellt waren und aus denen farbige Dämpfe empor stiegen. Die
Badewanne befand sich auf einer kleinen Anhöhe von drei Stufen. Dieser Bereich
war von vier ionischen Marmorsäulen eingegrenzt, die ein ebenfalls marmornes
Dach trugen, dessen schmale Enden sich wie Wellen aufbogen. Zwischen den Säulen
hingen durchscheinende hellblaue Vorhänge, die zahlreiche Falten warfen und
deren untere Enden mit winzigen Perlen verziert waren.
Während Philippe langsam auf diesen
Bereich zu schritt und zwei junge Mädchen die Vorhänge für ihn aufhielten, war
ihm dieser ganze übertriebene Prunk einfach nur peinlich. Dennoch ging er
zielstrebig auf die große Wanne zu, deren vergoldeter Kupferkern in einem fest
mit dem Boden verbundenen, mit kunstvollen Reliefs verzierten viereckigen
Marmorblock eingebettet war.
Als er direkt davor stand, nahmen die
Zofen Philippe das Leintuch, das er bis dahin um den Leib getragen hatte, ab
und er stieg mit einem Seufzer in die Wanne. Sofort begannen zwei der Zofen,
ihn vorsichtig zu waschen, während sich die übrigen diskret in eine Ecke des
Raumes zurück zogen.
Philippe fühlte sich sichtlich wohl
in der Wanne. Das Wasser war warm und roch nach Blütenblättern und als er genau
hinsah, gewahrte Philippe, dass tatsächlich einige rosafarbene Blütenblätter
auf der Oberfläche schwammen. Was für ein unverschämter Luxus dies doch alles war,
doch Philippe war so betört durch all die Düfte, die den Raum schwängerten,
dass er sich gar nicht mehr über die Verschwendung Gedanken machen oder gar
aufregen konnte. Die zwei Zofen wuschen ihn mit weichen Schwämmen, die sie
behutsam über seine nasse Haut gleiten ließen, gerade so wie man es
normalerweise bei Babys tut.
„Soll ich euer Majestät die Schultern
massieren?“, fragte die eine Zofe und Philippe nickte leicht mit dem Kopf. Er
war wie betäubt.
Die Zofe trat hinter Philippe und
begann mit der Massage. Während dessen lehnte sich die andere der beiden lasziv
über den Wannenrand und warf ihrem König einen verführerischen Blick zu.
„Welche Dame möchtet ihr für diese
Nacht bei euch haben, Majestät?“, fragte sie.
Philippe erwachte schlagartig aus seinem
Trancezustand.
„Was?“
„Welche eurer Mätressen soll mit euch
heute Nacht das Bett teilen, Majestät?“
„Ich bin müde. Ich will heute Nacht mit
niemandem das Bett teilen.“
Die beiden Zofen sahen sich irritiert
an.
„Aber Majestät“, meinte die, die ihn
gerade massierte, „ihr wollt doch sonst jede Nacht eine Frau in eurem Bett
haben.“
„Na schön, dann schickt mir
irgendeine“, antwortete Philippe resignierend.
Und damit erhob er sich und stieg aus
der Wanne. Sofort begannen die beiden Zofen, ihn vorsichtig abzutrocknen und
als sie damit fertig waren, erschienen zwei der Zofen, die sich zuvor zurück gezogen hatten und brachten ihm sein seidenes
Nachthemd. Philippe schlüpfte rasch hinein und verließ dann einfach das Bad.
Die Zofen sahen sich gegenseitig hilflos an, denn eigentlich hätte der König an
dieser Stelle noch einparfümiert werden müssen.
Als Philippe diesen Raum der Düfte und
Dämpfe verließ, verspürte er eine angenehme Kühle auf seinem Gesicht und konnte
nun wieder völlig klar denken. Dieses Bad war wahrhaftig ein betörender Ort und
Philippe war durch diesen übertriebenen Luxus ziemlich verwirrt und dennoch mußte er sich in seinem tiefsten Inneren eingestehen, dass
es ihm gefiel. Als er dies bemerkte, verpaßte er sich
selbst eine kleine Ohrfeige.
„Nein Philippe, du darfst dich dem
nicht hingeben. Du darfst nicht werden wie dein Bruder“, tadelte er sich
selbst. Dann ging er in sein Schlafgemach.
Die Zofen waren wirklich schnell
gewesen, denn als Philippe sein Schlafgemach betrat, lag auf seinem Bett in
aufreizender Pose schon eine Junge Frau zwischen vielleicht 18 und 20 Jahren.
Sie hatte langes schwarzes Haar und einen mediteran
anmutenden Teint. Offenbar war sie Italienerin oder Spanierin, wer wußte das schon. Sie trug nichts weiter, als ein dünnes
weißes Nachthemd, unter dem ihr nackter Körper durchschimmerte.
„Guten Abend, Majestät“, säuselte sie,
„ich bin für diese Nacht eure Gefährtin.“
„Ich weiß“, antwortete Philippe und
rang sich mühsam ein Lächeln ab, „wenn ihr nun so freundlich wäret ein bißchen
zur Seite zu rutschen? Ich möchte mich nämlich schlafen legen.“
Die junge Frau tat wie ihr geheißen und
sah sichtlich verwirrt zu, wie der König sämtliche Kerzen im Raum löschte und
sich dann neben ihr ausstreckte ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Das konnte
doch wohl nicht wahr sein. Da schickte man sie extra hier her und nun wollte
der König nichts von ihr wissen, sondern einfach nur schlafen, aber so lief das
nicht, nicht mit ihr. Sie packte also den auf der Seite liegenden Philippe an
der Schulter und drehte ihn mit einem energischen Ruck auf den Rücken. Eine
Sekunde später saß sie schon auf ihm. Philippe reagierte ungehalten.
„Was soll das? Seht ihr nicht, dass ich
müde bin?“
„Glaubt mir; Majestät, wenn ich mit
euch fertig bin, könnt‘ ihr noch viel besser schlafen.“
„Wenn ihr mit mir fertig seid? Hey, ich
bin hier der König. Ich habe das Sagen und nicht ihr und jetzt geht gefälligst
runter von mir!“
„Oh, ich könnte es mir aber nie
verzeihen, wenn ich euer Majestät heute Nacht ein
wundervolles Erlebnis vorenthielte.“
Philippe seufzte schwach.
„Dann tut, was ihr nicht lassen könnt“,
sagte er mit matter Stimme und die junge Frau begann sogleich mit ihrem
Liebesspiel.
Sie entkleidet zuerst sich und dann den
König. Anschließend begann sie ihn, am ganzen Körper zu streicheln und zu
küssen und Philippes anfängliche Lustlosigkeit wandelte sich schnell in tiefes
Behagen. Er gab jeden Widerstand auf und ließ seiner Mätresse freie Hand.
Diese setzte sich schließlich auf ihn
und begann erst langsam und dann immer schneller und kraftvoller mit den Hüften
zu kreisen. Philippe vernahm in seinem Sinnesrausch ihr lustvolles Stöhnen und
bemerkte schließlich, dass diese Laute nicht nur von ihr, sondern auch von ihm
kamen.
Er fühlte sich, als würde er jegliche
Kontrolle über sich und die Situation verlieren und so drehte er seine
Partnerin schließlich mit einem Ruck um, so dass nun er auf ihr lag und die
dominante Stellung einnahm und setzte auf diese Weise den Liebesreigen fort, bis
er fertig war und von ihr runter glitt. Philippe schlief augenblicklich ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte,
fühlte er sich wie gerädert.
Philippe blinzelte verschlafen in die
Morgensonne, deren helles Licht durch die großen Fenster in sein Schlafgemach
flutete. Der König setzte sich auf und verspürte sogleich seinen schmerzenden
Rücken.
Philippe ließ sich sofort mit einem
Stöhnen zurück ins Bett fallen. Seine Arme und Beine fühlten sich an wie Blei
und sein Kopf schmerzte. Sein Körper zahlte nun den Ereignissen der letzten
Nacht den Tribut.
Der junge Herrscher ertappte sich
dabei, wie er Louis für einen Moment beneidete. Dieser hatte nun keine Zofen um
sich, die ihm mit Weihrauch die Sinne vernebelten oder irgendwelche
Gefährtinnen, die ihn zu einem Liebesreigen nötigten, wenn er doch eigentlich
todmüde war und nur noch schlafen wollte. Dabei vergaß Philippe allerdings,
dass Louis eigentlich nie etwas gegen Geschlechtsverkehr einzuwenden hatte.
Während Philippe noch so seinen
Gedanken nach hing, wurde schließlich die Tür geöffnet und Athos trat ein,
gefolgt von Portos. Als Zweiterer sah, dass der König
nackt war, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Na, war die erste Nacht in eurem neuen
Heim schön, Majestät?“, fragte er mit deutlichem Unterton in der Stimme.
„Ich fühle mich, als wäre die gesamte
königliche Garde über mich rüber marschiert“, entgegnete Philippe wenig
begeistert.
Athos boxte Portos leicht in die
Rippen.
„Ach mein Junge, dass
kommt einfach davon, dass ihr das alles hier noch nicht gewohnt seid, aber das
wird sich schon noch geben“, meinte er und sah seinen neuen König mit einem
verständnisvollen Lächeln an.
Philippe setzte sich mit einem
gequälten Gesichtsausdruck auf.
„Das ist ja das Problem. Ich habe das
Gefühl, dass ich schon bald Gefallen daran finden könnte. Dieses Bad und dann
die junge Frau in meinem Bett... Ich fürchte, es würde mir nicht schwer fallen,
Louis‘ Lebensstil früher oder später zu übernehmen.“
Athos wiegte bedächtig den Kopf hin und
her.
„Nun Majestät“, antwortete er endlich,
„ein gewisses Vergnügen will euch ja auch niemand verwehren, solange ihr euch
nur als guter Herrscher und Staatsmann erweist und wir haben Louis gewiß nicht
wegen dieses Bades oder seiner nächtlichen Orgien gegen euch ausgetauscht.“
„Nein, ganz gewiß nicht wegen der
nächtlichen Orgien“, pflichtete Portos seinem Freund bei, „ein Mann braucht
schließlich regelmäßigen und anständigen Verkehr, damit er sich seine Hörner
abstoßen kann und seine Manneskräfte nicht verliert.“
Philippe und Athos sahen sich grinsend
an.
„Ja ganz gewiß, mein lieber Portos. Ich
bin sicher, da kennt ihr euch aus“, entgegnete der König lachend. Dann stieg er
aus dem Bett.
3.
Kapitel: Die
Hölle auf Erden
So verging die Zeit. Drei Monate
gingen ins Land, in denen Philippe lernte, sich immer besser dem Leben bei Hofe
anzupassen und gleichzeitig seine Pläne nicht aus den Augen zu verlieren.
Doch wie war es in der Zwischenzeit dem
unseligen Louis ergangen?
Dieser hatte bald das Gefängnis in
seiner ganzen Grausamkeit kennen gelernt.
Zwei Tage nach seiner Verhaftung, war
er unter die Aufsicht zweier junger Gefängniswärter geraten, denen es offenbar
größtes Vergnügen bereitete, die ihnen anvertrauten Gefangenen zu quälen. Sie
kamen beinahe jeden zweiten Tag und dann schlugen und vergewaltigten sie ihn,
als kannten sie sämtliche positiven Eigenschaften der Menschheit noch nicht mal
dem Namen nach.
Nachdem er gerade mal wieder eine
derartige Mißhandlung hinter sich hatte, kauerte Louis
auf dem Bett in seiner Zelle und tastete vorsichtig seine Gliedmaßen ab, um
sich zu vergewissern, dass alle Knochen noch heil waren. Einmal hatten sie ihm
das rechte Handgelenk gebrochen und da man ihm ärztliche Hilfe verweigert
hatte, war der Bruch zwar wieder verheilt, doch von diesem Zeitpunkt an, war
sein rechtes Handgelenk unbeweglich geworden.
Louis war aufgewühlt durch eine
Mischung aus Haß, Verzweiflung und tiefen
Rachegelüsten.
Er haßte
diese Männer, die ihn verraten hatten,
sein Volk, das sich von ihm abgewandt hatte, seine Mutter, der er anscheinend
nicht annähernd so viel bedeutete wie sein Bruder, ja er haßte
die gesamte Menschheit, die ihn einfach nicht verstehen wollte.
„Was hätte ich denn tun sollen?“,
sprach er zu sich selbst, „Woher sollte ich denn wissen, ob er den Thron will
oder nicht. Die Menschen schreien immer nach Frieden, doch sie sind nicht
bereit, den Preis dafür zu zahlen... Diese verdammten Musketiere! Wäre ihnen
ein Bürgerkrieg lieber gewesen? Tausende geopferter Menschenleben an der Stelle
von einem einzigen?
Und dabei haben sie noch nicht mal die
Gnade gesehen, die ich ihm zukommen ließ, denn ich habe ihn leben lassen. Ich
habe ihn nicht getötet, obwohl ich es gekonnt hätte. Also war ich gnädig.
Jawohl, ich habe nicht nur einen
Bürgerkrieg verhindert, sondern habe auch noch Milde mit ihm walten lassen...
und so haben sie es mir nun gedankt!“
Louis redete sich in Rage und steigerte
sich immer mehr in seine merkwürdig verdrehte Auffassung von Gut und Böse
hinein.
Er empfand keine Schuld. Das hatte er
noch nie getan. Im Gegenteil. Er hatte immer geglaubt, dass er Philippe mit dem
Gefängnis und der Maske eine Gnade erwiesen hatte, da er ihm doch gleichzeitig
das Leben geschenkt hatte.
Und da er kein Schuldgefühl hatte,
empfand Louis die Qualen, die er nun in seinem Verlies erlitt, nicht etwa als
übertriebene Strafe, sondern als pures Verbrechen an seinem gesalbten
königlichen Leib.
„Aber dafür werden sie alle in der
Hölle schmoren!“, knurrte Louis.
„Verflucht seist
du, Philippe! Ich schwöre, wenn ich hier je wieder raus komme, werde ich dich
töten und du sollst langsam sterben, damit ich es genießen kann.“
Louis lehnte sich zurück und begann
sich die grauenhaftesten Dinge auszumalen, die er Philippe antun würde, wenn
sich ihm die Gelegenheit zur Rache anböte und unter der Maske verzogen sich
seine Lippen zu einem dämonischen Grinsen.
Einen Augenblick später änderte er
jedoch seine Meinung.
Er würde doch nie aus diesem Gefängnis
raus kommen. Warum sollte er sich also Gedanken über eine mögliche Rache
machen?
Louis senkte traurig den Kopf. Mit
einmal war er wieder ganz klein und einsam.
„Es ist hoffnungslos“, murmelte er
traurig vor sich hin, „ich werde hier drin sterben und niemand wird mir auch
nur eine Träne nachweinen.“
Der Gefangene begann leise zu
schluchzen und seine Seufzer gingen schnell in ein lautes herzzerreißendes
Weinen über, dass auch außerhalb seiner Zelle zu hören
war.
Und so dauerte es nicht lange, da wurde
die Zellentür auch schon aufgerissen und die beiden jungen Gefängniswärter
stürmten wutentbrannt hinein.
„Was fällt dir ein, du Ratte?!“,
schimpfte der eine.
„Sei gefälligst still und stör uns
nicht bei unserer Mittagsruhe!“
Louis kauerte sich ängstlich zusammen.
„Bitte nicht weh tun!
Ich bin ja schon ruhig“, stammelte er mit zittriger Stimme, doch die beiden
Wärter ließen sich davon nicht beeindrucken.
„Sieh ihn dir an“, rief der zweite von
ihnen nun höhnisch, „da hockt er wie ein Häufchen Elend und winselt wie ein
Hund um Gnade.
„Na was ist, Kleiner?“, fragte der
andere, „Willst du uns noch immer glauben machen, du seist
der König von Frankreich? Haha! Das würde noch nicht mal ein Verrückter
glauben, dass so ein winselnder Köter der König sein soll.“
Da fühlte Louis sich in seinem Stolz
gekränkt und vergaß für einen Moment seine Furcht.
„Was fällt euch ein? Ich bin wirklich
der König!“, schimpfte er.
Das hätte er besser nicht gesagt.
Der eine Wärter sah ihn grinsend an und
meinte:
„So, du bist also der König. Ja? Nun,
wir haben dich ja schon oft genug verprügelt und dein Blut sieht auch nicht
anders aus, als das eines Bettlers.“
„Vielleicht haben wir ja nur nicht
genug gesehen“, erwiderte der andere, „komm, laß uns
mal genauer prüfen, ob an seinem Blut irgendwas majestätisches dran ist.“
Louis seufzte und wartete schon fast
demütig darauf, dass nun die nächste Tracht Prügel über ihn hinein brach, doch
es sollte noch viel schlimmer kommen.
Die beiden Wärter traten auf ihn zu,
packten ihn, banden ihm die Hände und zerrten ihn aus der Zelle.
„Was wollt ihr von mir?“, stammelte
Louis, doch er erhielt als Antwort nur ein unheilvolles Lachen.
Sie brachten ihn hinunter in die
Folterkammer und als sie dort ankamen, erschrak Louis beinahe zu Tode.
„Nein, nein! Das könnt ihr nicht
machen!“, schrie er.
„Doch, das können wir“, war die Antwort
und dann nahmen sie ihm die Handfesseln ab, zogen ihm das Oberteil aus und
schnallten ihn trotz aller Widerspenstigkeit auf die Folterbank.
Louis zitterte vor Angst am ganzen
Leib. Sein Kopf war zwischen zwei Holzbalken eingeklemmt und so konnte er nicht
sehen, was um ihn herum geschah. Er sah nur das, was direkt über ihm war.
Kurz darauf spürte er jedoch einen
glühend heißen Schmerz auf seiner nackten Brust
und schrie qualvoll auf.
Der eine Wärter hatte ihm ein glühendes
Messer auf die Brust gelegt und ließ dessen Klinge nun langsam am Oberkörper
des Gefangen nach unten gleiten, wobei er eine Spur verbrannten Fleisches
hinterließ.
Louis schrie dabei wie ein
Wahnsinniger, doch diese Pein war noch harmlos im Vergleich zu dem, was dann
noch folgte.
Mit Praktiken, wie Auspeitschen,
hielten sich die beiden Wärter erst gar nicht auf. Sie legten gleich mit der Hardcore-Folter los.
Über der Folterbank hing eine massive
Metallplatte, die obendrein mit spitzen Zacken übersät war. Sie war in etwa so
groß das sie den Oberkörper eines Menschen abdecken
konnte und konnte mit Hilfe einer Kurbel hoch und runter gelassen werden.
Die Wärter ließen sie nun langsam und genüßlich runter. Zunächst spürte Louis nur einen unangenehmen
Druck auf der Brust, doch dieser nahm kontinuierlich zu und wandelte sich in
einen höllischen Schmerz, den der Gefangene auch immer lauter kund tat. Die Metallplatte senkte sich immer tiefer und
zerquetschte ihm die Brust. Man konnte das Knacken der Rippen hören, die unter
dem Druck zersplitterten und links und rechts tropfte das Blut des Gefangenen
von der Folterbank auf den Fußboden. An einem gewissen Punkt ging Louis
Schreien in Röcheln über, denn der Druck auf seiner Brust raubte ihm den Atem.
Wie von weitem hörte er das höhnische Lachen seiner Peiniger. Er war kurz vor
der Bewußtlosigkeit... oder vor dem Tod? In diesem
Moment wäre Louis auch dies recht gewesen, wenn die Qualen nur aufhören würden.
Doch er starb nicht und verlor auch
noch nicht das Bewußtsein, bevor der Druck auf seiner
Brust plötzlich nachließ. Die Metallplatten wurde
wieder nach oben gezogen.
Louis verspürte jedoch keinerlei
Erleichterung, denn er glaubte, dass nun eine andere, nicht weniger schlimme,
Pein folgen würde. Dann gewahrte er jedoch, dass jemand mit den zwei
Gefängniswärtern schimpfte. Louis war zu benommen, um alles zu verstehen, doch
dieser jemand schien die Folter zu mißbilligen.
Der ältere Gefängniswärter sah seine
beiden jungen Kollegen wutentbrannt an.
„Was fällt euch eigentlich ein, den
Gefangenen hier fast zu Tode zu foltern?!“, schimpfte er. „Ihr seid wohl nicht
mehr ganz dicht!“
Die beiden jungen Wärter sagten nichts,
sondern drucksten nur herum. Der Ältere jedoch fuhr in herrischem Tonfall fort:
„Dieser Gefangene stammt aus Zelle 78.
Richtig? So und auf dieser Etage bin ich der Oberaufseher und ich dulde nicht,
dass meine Gefangenen in irgendeiner Weise mißhandelt
werden! Und jetzt holt ihn gefälligst da runter!“
Die beiden Wärter gehorchten und holten
den blutüberströmten Louis von der Folterbank runter. Dessen Brustkorb war ein
einziger Brei aus blutigem Fleisch, aus dem hier und da einige Rippensplitter
hervor guckten. Es war ein widerlicher Anblick und Louis war so geschwächt, das
er nicht einmal mehr schreien konnte. Er stöhnte nur noch qualvoll, wobei ihm
ständig Blut aus dem Mund floß. Es war ein höchst
bizarrer Anblick, wie das Blut aus der Mundöffnung der Maske tropfte. Der
ältere Gefängniswärter schickte einen der beiden jungen los, damit er einen
Arzt holte. Dann trug er den Gefangenen zusammen mit dem zweiten jungen Wärter
zurück in seine Zelle.
Dort angekommen legten sie Louis auf
das Bett. Der Gefangene befand sich längst in einem nebligen Dämmerzustand. Ein
Umstand, der sicher nicht der schlechteste für ihn war, denn so nahm er die
Schmerzen nicht mehr richtig war und litt an ihrer Stelle mehr an einem
allgemeinen, diffusen Unbehagen. Ihm tat alles weh, doch dieser Schmerz
umhüllte ihn zugleich wie eine schützende Decke und betäubte ihn.
Doch unabhängig davon, wie stark Louis
den Schmerz wahrnahm, war sein körperlicher Zustand äußerst kritisch.
Tatsächlich war er dem Tode näher als dem Leben. Der
ältere Wärter kniete neben ihm nieder, nahm seine Hand und begann, ihm gut
zuzureden. Der Arzt würde jeden Moment da sein, versicherte er in einem fort.
Doch dann bemerkte er, das Louis in hastigem Tonfall höchst eigenartiges Zeug vor
sich hin stammelte.
„Nein“, schimpfte er im Delirium, „Ich
will heute kein Latein lernen. Lateinuntericht ist total
öde.“
Und völlig zusammenhanglos ging es
weiter.
„D’Artagnan, hat meine Garde auch ihre
Paradeuniformen angelegt?... Nein, heute kein Rebhuhn.
Ich bevorzuge Flugente.“
Der jüngere Wärter, der in der offenen
Tür stand, konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, doch sein älterer Kollege
war zutiefst bewegt. Sicher, Louis phantasierte in diesem Moment. Er durchlebte
noch einmal in sinnloser Reihenfolge verschiedene Augenblicke seines Lebens,
doch wie konnte er so etwas phantasieren, wenn er nicht der echte König,
sondern nur dieser Betrüger war, wie alle behaupteten? Der Wärter nahm die
linke Hand des Gefangenen in die seinigen und streichelte sie behutsam.
„Haltet durch, Majestät“, flüsterte er
eindringlich, „der Arzt kommt gleich.“
Er war nun davon überzeugt, das dieser
Gefangene nicht verrückt war, wie all seine Kollegen behaupteten, sondern
tatsächlich der König.
Wenige Augenblicke später traf endlich
der Arzt ein. Der Wärter trat bei Seite und der Mann, der zum Glück auch über
chirurgische Kenntnisse verfügte, begann, Louis zu verarzten.
Es ist schwer zu sagen, wie es dem Arzt
gelang, das Leben des Gefangenen zu retten, doch er schaffte es. Er schnitt
Louis‘ Brust auf, entfernte kleinere Rippensplitter und flickte die größeren
mit Draht wieder zusammen. Anschließend schnitt er nicht mehr zu rettende Haut-
und Fleischfetzen weg und nähte anschließend die tiefen Wunden zu. Danach hatte
Louis kreuz und quer auf seiner Brust verteilt etwa ein Dutzend Narben, die von
dunklen Fäden zusammen gehalten wurden und erinnerte in diesem
zusammengeflickten Zustand auf bizarre Weise an eine Kreatur von Doktor
Frankenstein. Zum Schluß desinfizierte der Arzt noch
die frischen Narben und legte Louis anschließend einen dicken Verband an.
Dann erhob er sich mit einem erleichterten
Seufzer.
„Dieser Junge ist ganz schön stark. Er
wird wieder gesund werden“, verkündete er. Der Wärter nickte froh und
antwortete:
„Ja, der König stirbt nicht so
einfach.“
„Sagt bloß, ihr glaubt diesem armen
Irren“, entgegnete der Arzt überrascht.
„Allerdings, das tue ich. Dieser Mann
hier ist Louis XIV von Frankreich und niemand sonst. Ich bin nur ein einfacher
Gefängniswärter und kann gegen ein geballte Front von
Verrätern und Ignoranten, die nichts sehen und hören wollen, nichts ausrichten,
aber ab sofort steht dieser Mann unter meinem persönlichen Schutz. Ich werde
nicht zulassen, dass man ihn noch mehr quält oder ihm weh tut.“
Der Wärter stellte sich vor das Bett
des kranken Louis und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Der
Arzt schüttelte nachsichtig den Kopf, denn er war davon überzeugt, dass der
Wärter einem Schwachsinnigen aufgesessen war und verließ mit dem jüngeren
Wärter die Zelle.
Als sie so alleine waren, kniete der
Wärter nochmals neben Louis nieder, streichelte dessen Hand und sagte:
„Ich habe von jetzt an die Aufsicht
über euch. Ich kann euch euren Thron nicht zurück geben,
aber ich kann alles in meiner Macht stehende tun, um euch vor weiteren
Übergriffen zu schützen und euch das Leben hier so sehr zu erleichtern, wie es
nur geht.“
Der gutherzige Wärter wußte nicht, ob Louis ihn verstanden hatte. Er nahm die
Hand des Königs und küßte sie nach höfischer Sitte.
Dann verließ er die Zelle und schloß die Tür ab.
4.
Kapitel: Louis‘
Wandlung
Louis erholte sich langsam aber
beständig. Der Gefängniswärter schrieb indessen an Philippe und beschwerte sich
ausführlich über die Behandlung seines Schützlings. Der König, der von all dem
nichts gewußt hatte, reagierte entsprechend
betroffen. Er ließ Athos, Portos und Aramis zu sich rufen und hielt ihnen das
Schreiben des Wärters entgegen.
„Was sagt ihr dazu?!“, fragte er
harsch.
„Eine unschöne Geschichte“, meinte
Aramis einfach.
„Eine unschöne Geschichte?! Eine
Sauerei ist das! Ich habe angeordnet ihn gut zu behandeln und was muß ich nun
erfahren? Ich glaub’s einfach nicht!“
Philippe ging nervös auf und ab und
versuchte vergeblich, sich zu beruhigen. Schließlich ließ er sich auf einen
Hocker nieder und vergrub das Gesicht in den
Händen.
„Ihr müßt das
verstehen“, sagte er mit zittriger Stimme, „ich weiß er hat schlimme Dinge
getan und dafür hat er Strafe verdient, aber er ist dennoch mein Bruder. Der
Gedanke daran, dass er so sehr leidet tut mir im Herzen weh. Ich kann es nicht
ändern.“
Aramis blickte irritiert auf Philippe.
„Aber Majestät, Louis war ein Mistkerl,
ein gemeiner Tyrann. Warum habt ihr Mitleid mit ihm?“, fragte er.
Philippe hob den Kopf. Seine Augen
hatten einen feuchten Glanz angenommen.
„Was erwartet ihr von mir?“, fragte er.
„Soll ich mit meinem Volk Mitleid haben, aber nicht mit dem eigenen Bruder? Wo
ist da die Logik? Ich sehe sie nicht.“
Der König erhob sich.
„Und jetzt laßt
mich bitte allein.“
Die Musketiere gehorchten und verließen
das Zimmer. Kaum waren sie draußen, meinte Portos beiläufig:
„Vielleicht ist er ja ein bißchen zu
gutherzig.“
„Lieber ein bißchen zu gutherzig als
viel zu kaltherzig“, entgegnete Athos.
„Das ist wohl wahr“, mischte sich jetzt
auch Aramis ein, „doch das könnte ihm noch gefährlich werden. Philippe ist im
Prinzip ein offenes Buch. Er sollte gerade seine Gefühle für Louis tief in sich
verbergen, sonst fliegt der Schwindel ganz schnell auf.“
„Dieser Gefängniswärter weiß ja schon
Bescheid“, meinte Portos, doch Aramis entgegnete:
„Das macht nichts. Jeder Wärter in der
Bastille weiß, dass der Gefangene behauptet, er sei der König und sie halten
ihn alle für verrückt. Wenn nun dieser eine Wärter
Louis Glauben schenkt, dann werden ihn seine Kollegen ebenfalls für verrückt
erklären. Nichts weiter.“
„Na wie auch immer“, meldete sich jetzt
wieder Athos zu Wort, „im Prinzip hat Philippe ja Recht. Die haben kein Recht,
Louis so zu behandeln. Sich an einem wehrlosen Gefangenen zu vergehen ist
ohnehin würdelos.“
„Das wundert mich ja jetzt, dass
ausgerechnet du sowas sagst“, antwortete Portos, „Ich
dachte nämlich, dass gerade du Louis am liebsten in seine Einzelteile zerlegen
würdest.“
„Das würde ich auch gerne“, entgegnete
Athos, „aber nicht wenn er längst besiegt ist. Ich vergreife mich jedenfalls
nicht an einem wehrlosen Gefangen. Ich habe nämlich noch Ehre im Leib.“
Portos machte nur eine wirsche Geste.
„Ach was. Ehre im Leib ist ja ganz
schön und gut, aber ich hätte momentan vorallem gerne
einen Schweinebraten im Leib. Kommt, laßt uns eine
Spelunke in der Stadt aufsuchen. Ich könnte jetzt ein bißchen Spaß gebrauchen.“
„Du meinst, du hättest mal wieder Lust,
dich anständig zu betrinken um dann eine ordentliche Keilerei anzufangen“,
antwortete Aramis trocken und Portos entgegnete grinsend:
„Wenn du es so ausdrücken willst...“
„Na gut, dann laßt
uns gehen, bevor Athos noch auf die Idee kommt, zusammen mit Philippe eine
Hilfsorganisation für Louis zu gründen.“
„Haha. Sehr witzig“, kommentierte Athos
leicht beleidigt. Dann begaben sich die drei Freunde wie besprochen in die
Stadt. Natürlich nicht ohne sich vorher beim König abzumelden.
Was die Hilfsorganisation betraf, so
hatte Louis ja im Prinzip schon eine, die sich um ihn kümmerte, auch wenn diese
nur aus einem einzelnen Mann bestand.
Der Gefängniswärter tat alles, um
seinem Schützling das Leben im Gefängnis so angenehm wie möglich zu gestalten
und ihn vor weiteren Übergriffen zu beschützen. Er hatte Louis neue Wolldecken
und mehrere Bücher zum Lesen mitgebracht. Außerdem offerierte er ihm jede Woche
eine Flasche Wein, die er aus eigener Tasche bezahlte.
Louis, der sich langsam von seinen
schweren Verletzungen erholte, war hin und her gerissen, zwischen dem Gefühl
der Erleichterung darüber, dass er an diesem kalten, feindseligen Ort einen
Freund gefunden hatte und dem Wunsch nach mehr. Manchmal dachte er sich, dass
es doch abartig sei, dass er jetzt schon für ein paar warme Decken dankbar war,
wo er doch eigentlich auf dem Thron Frankreichs sitzen sollte.
Eines Tages, der Wärter war gerade
damit beschäftigt, Louis‘ Zelle von dem gröbsten Ungeziefer zu reinigen, sprach
er diesen darauf an.
„Wißt ihr“,
hob er an, „ich bin euch wirklich sehr dankbar dafür das
ihr euch so gut um mich kümmert, aber dennoch ist dies nicht der Platz an dem
ich sein sollte.“
„Ich weiß Majestät“, antwortete der
Wärter, während er einige Spinnweben von der Wand kratzte.
„Ihr nennt mich Majestät“, fuhr Louis
fort, „aber die anderen sollten es auch tun. Nicht nur ihr. Versteht ihr? Es
kann nicht mein Ziel sein, den Rest meines Lebens hier drin so angenehm wie nur
eben möglich zu verbringen. Ich muß mir das zurück holen,
was allein mir von Rechts wegen gebührt. Ich muß wieder König sein.“
Der Wärter drehte sich um, sah Louis an
und seufzte.
„Ich verstehe das
sehr gut Sire, nur leider kann ich nicht mehr für euch tun, als das, was
ich bereits tue. Ich bin nur ein einfacher Gefängniswärter.“
„Wenn ich erst mal wieder König bin,
könnte ich euch zu wesentlich mehr machen.“
„Sehr wohl Majestät. Das ändert nur
nichts daran, dass ich im Moment keine Mittel habe, um euch die Macht zurück zu
geben.“
Louis wurde wütend.
„Aber mich wie ein Kind verhätscheln,
das könnt ihr! Tag für Tag zeigt ihr mir mit eurer Fürsorge, dass ich keinerlei
Macht mehr habe, dass ich den Launen der anderen schutzlos ausgeliefert bin und
das selbst ein Bettler sich als mein Beschützer aufspielen könnte!“
Nun wurde auch der Wärter wütend.
„Kein Wunder, dass ihr hier gelandet
seid“, schrie er Louis an, „Ihr beleidigt ja sogar die, die euch nur helfen
wollen!“
Und mit diesen Worten verließ der
Wärter wutentbrannt die Zelle und schlug die Tür mit lautem Knall hinter sich
zu.
Louis war einen Moment lang völlig
perplex, dann bereute er sofort sein Verhalten. Der Wärter hatte Recht. Wie
konnte Louis ihn nur so beschimpfen, wo er doch der einzige Mensch war, der
noch zu ihm hielt? Louis sprang auf und lief zur Tür.
„Es tut mir leid!“, schrie er, „Hört
ihr?! Es tut mir leid!“
Doch nichts geschah.
Da legte sich Louis wieder auf sein
Bett und starrte traurig an die Decke. Was wenn er es nun geschafft hatte, den
letzten Menschen zu vergraulen, dem er noch etwas bedeutet hatte?
„Ich bin so dumm“, dachte Louis, „Immer
mache ich alles falsch. Jetzt bin ich wahrscheinlich ganz allein. Warum? Warum
nur, geht bei mir am Ende immer alles nach hinten los? Ach wäre ich doch nur
etwas geschickter im Umgang mit meinen Mitmenschen, ich wäre jetzt gewiß nicht
hier.“
Der Gefangene fing an zu weinen, erst
leise und dann immer lauter.
Schließlich wurde die Tür
aufgeschlossen und zwei ihm wohl bekannte Männer traten ein.
„Nein. Nicht ihr“, stöhnte Louis.
Die beiden jungen Wärter sahen sich
grinsend an.
„Na was ist denn?“, fragte der eine,
„Hat unser kleiner Irrer mal wieder einen Grund zum Flennen gefunden? Das
hatten wir ja schon lange nicht mehr.“
„Ja“, fügte der andere hinzu, „wir
haben es schon richtig vermißt. Na komm. Heul noch
ein bißchen. Los, tu’s für uns.“
Die beiden Wärter klopften sich
gegenseitig beifällig auf die Schulter und lachten ein rohes und gemeines
Lachen. Einer von ihnen ging auf Louis zu, packte ihn am Kragen und schüttelte
ihn kräftig.
„Na los! Heul schon!“, schrie er ihn
dabei an.
Louis biß
sich auf die Lippen. Er wollte nicht weinen, doch da fingen die beiden Wärter
schon wieder an, auf ihn ein zu prügeln.
Als sie jedoch gerade richtig brutal
werden wollten, erschien plötzlich der ältere Wärter in der Zelle.
„Laßt ihn
sofort in Ruhe!“, schimpfte er und jagte die beiden aus der Zelle. Dann nahm er
Louis vorsichtig in den Arm.
„Es tut mir leid. Es tut mir so leid“,
stammelte Louis, „Bitte. Ich will nicht auch noch den letzten Freund verlieren,
der mir geblieben ist. Könnt ihr mir verzeihen?“
Der Wärter lächelte milde und
streichelte zärtlich die Hand des Gefangenen.
„Aber natürlich verzeihe ich euch. Ihr
seid doch inzwischen für mich fast so etwas wie ein Sohn geworden.“
Louis hob den Kopf und sah den Wärter
mit wässrigen Augen an.
„Dann habt ihr Gefühle für mich, die
eigentlich meine Mutter haben sollte.“
Ein Zittern ging durch Louis Körper. Er
preßte sein maskiertes Gesicht gegen die Brust des
Wärters und fing wieder an zu weinen. Doch diesmal weinte er vor Rührung, weil
es tatsächlich einen Menschen auf der Welt gab, der etwas für ihn empfand. Der
Wärter verstand, was in diesem Moment in dem jungen Monarchen vorging und er nahm
ihn in die Arme, streichelte ihn sanft und redete beruhigend auf ihn ein.
„Ihr werdet sehen, es wird alles gut“,
sprach er in sanftem Tonfall, „Ich werde alles versuchen, um für euch Gnade zu
erwirken und ich bin sicher, wenn ihr Reue zeigt und die Absicht euch zu
bessern, dann werdet ihr sie auch bekommen.“
Louis nahm etwas Abstand und sah den
Wärter an.
„Ja“, sagte er mit noch immer etwas
zittriger Stimme, „Ich will mich bessern. Könnt ihr mir beibringen, ein guter
Mensch zu sein?“
Zur Antwort lachte der Wärter nur
herzlich und drückte Louis noch einmal an sich.
„Ich will es versuchen“, antwortete er
schmunzelnd.
Von da an gab sich Louis alle Mühe,
sich anständig zu verhalten. Er hörte auf, ständig mit irgendwelchen
Gefühlsausbrüchen auf sich aufmerksam zu machen, hielt sich artig an alle
Vorschriften und las jede Menge Bücher. Mit seinem Wärter führte er abends oft
stundenlange Gespräche, meistens basierend auf etwas, dass er in seinen Büchern
gelesen hatte. Da konnte es mitunter zu sehr interessanten Diskussionen kommen
und obwohl der Wärter nur ein einfacher Mann war, der nicht über Louis‘ Bildung
verfügte und auch kaum lesen und schreiben konnte, war er doch oft derjenige,
der in der Argumentation die Nase vorne behielt.
Eines Tages begab sich der Gefängniswärter
zum Schloß. Er wollte einen ersten Versuch starten
und beim König für Louis vorsprechen. Dabei ahnte er ja nicht, wie schwer es
sein würde, überhaupt zum König vorgelassen zu werden.
Als er vor den Palastanlagen ankam,
wurde er am Tor von den wachhabenden Soldaten erst mal, auf Grund seiner doch
recht schäbigen Kleidung, sehr kühl empfangen.
„Wer seid ihr und was wollt ihr?“,
fragte der eine barsch, „Wir haben hier nämlich keine Zeit für Bettler.“
Der Wärter reagierte entsprechend
beleidigt.
„Ich bin kein Bettler, ich bin
Gefängnisaufseher in der Bastille“, antwortete er.
„Dafür haben wir auch keine Zeit“,
erwiderte der Soldat und grinste überheblich.
Das war typisch. Wenn man nicht zum Hof
gehörte oder zumindest wohlhabend aussah, benahmen sich selbst die niedersten
Lakaien einem gegenüber noch hochnäsig. Der Gefängniswärter ließ sich von dem
herablassenden Gehabe der Wachen jedoch nicht beeindrucken und trug statt dessen sein Anliegen vor.
„Ich muß den König sprechen“, sagte er,
„und zwar unter vier Augen.“
Jetzt brachen die beiden Soldaten in
schallendes Gelächter aus.
„Den König! Unter vier Augen!“, rief
der eine und schlug sich dabei johlend auf die Schenkel, „Aber natürlich! Da
könnte ja jeder kommen.“
„Es ist sehr wichtig“,entgegnete der Wärter ungerührt, „es geht um einen
sehr speziellen Gefangenen, einen Hochverräter.“
Die beiden Soldaten hörten mit einem
Schlag auf zu lachen. Statt dessen begannen sie nun
aufgeregt mit einander zu tuscheln.
„Ich glaube, er meint diesen durchgeknallten Doppelgänger, der sich für den König
ausgegeben hat“, meinte der eine, „hast du von dem gehört?“
„Klar, hab ich. Man sagt, er müsse
deshalb eine Maske aus Eisen tragen.“
„Quatsch. Die ist aus Kupfer. Das weiß
ich ganz genau.“
„Nein, aus Eisen. Du bist mal wieder
total schlecht informiert.“
„Und ich sage dir, es ist doch Kupfer.“
„Eisen!“
„Kupfer!“
„Eisen!“
„Kupfer!“
„Ei....“
„Hört auf!“, schrie der Wärter genervt
dazwischen, „Sie ist aus Eisen.“
„Siehst du? Hab ich’s doch gesagt“,
sagte der eine Soldat zu seinem Kollegen und verschränkte selbstzufrieden die
Arme vor der Brust.
Der Wärter schüttelte verständnislos
den Kopf. Und so ein kindisches Gesindel bewachte also das Schloß.
„Also“, fragte er, „was ist nun? Werde
ich jetzt zum König vorgelassen oder nicht?“
Die beiden Wachen nahmen wieder eine
einigermaßen angemessene Haltung ein und der eine von ihnen antwortete: „Das
können wir nicht entscheiden, aber wir können euch im Schloß
anmelden.“
„Gut. Dann würde ich das lieber jetzt
als nachher erledigt wissen.“
„Folgt mir.“
Der Wachmann wies rasch einen zufällig
vorbei gehenden Soldaten an, seinen Posten zu übernehmen, dann führte er den
Gefängniswärter zum Schloß.
Philippe saß in seinem Arbeitszimmer
und war dabei, diverse Korrespondenzen durch zu sehen. Vorwiegend handelte es
sich dabei um Briefe verschiedener Beamter, die er in die einzelnen Provinzen
seines Reiches geschickt hatte, damit sie die dortigen Stimmungen erkundeten.
Philippe wollte nämlich wissen, wie man im Land auf seiner Steuerreformen reagierte.
Das Ergebnis war dann wie erwartet ausgefallen. Das einfache Volk fand die
Reformen klasse und der Klerus und die Aristokratie hätten sie am liebsten zum
Mond geschossen. Das war dem jungen König jedoch relativ egal. Von den
Idealvorstellungen, die ihm seine drei Befreier eingetrichtert hatten, geprägt,
war Philippe der Meinung, dass das Wichtigste sei, sich mit dem einfachen Volk
gut zu stellen. Mit der Oberschicht würde er sich bei Zeiten schon noch
arrangieren.
Schließlich legte Philippe den letzten
Brief bei Seite und lehnte sich entspannt zurück.
„Gut“, lobte er sich selbst, „ich mache
das wirklich gut. Jetzt sieht das Finanzwesen doch schon viel besser aus und
einen wirtschaftlichen Aufschwung haben wir auch schon.“
Philippe stand auf und begann fröhlich
im Zimmer herum zu tanzen, wobei er die ganze Zeit eine bestimmte Melodie
pfiff, die er noch von seiner Zeit im Gefängnis kannte. Einer der Wärter hatte
sie ständig auf seiner Laute gespielt, wenn er Wache hatte. Zwar wußte Philippe nicht, woher das Lied stammte, doch es war
eine sehr schöne, fröhliche Melodie, die ihn oft im Gefängnis aufgemuntert
hatte. Mittlerweile hatte er auch einen eigenen Text dazu gedichtet und begann
nun auch noch mit kindlicher Heiterkeit zu singen:
Die Dunkelheit
hab ich besiegt
Bin ins Licht
gegangen
Drum sing ich
froh, wie’s mir beliebt
Denn nicht
länger bin ich gefangen.
Kalt und düster
war’n Tag und Nacht
Doch das ist
nun vorbei
Nun ist die
Zeit, da für mich die Sonne lacht
Denn ich bin
endlich frei.
Ja, Freiheit
ist das höchste Gut
Das ich auf
Erden fand
Und so tanz ich
hier voll Übermut
in diesem
wundervollen Land.
Dabei drehte sich Philippe lustig im
Kreis und klatschte vergnügt in die Hände. In diesem Moment war er nicht der
König von Frankreich, sondern einfach ein Junge, der das Leben und seine
Freiheit besingt.
Er war so sehr mit seinem kleinen
Freudentanz beschäfigt, dass er erst beim dritten mal
wahr nahm, dass jemand von außen an die Tür klopfte.
Philippe hörte schlagartig auf zu singen,
stellte sich kerzengerade hin und setzte ein möglichst ernstes und
majestätisches Gesicht auf. Dann rief er er mit fester Stimme:
„Herein!“
Die Tür wurde geöffnet und herein trat
sein erster Sekretär. Philippe war von diesem Besuch überrascht und er ahnte,
dass es sich um etwas sehr wichtiges handeln mußte.
„Was gibt es?“, fragte er freundlich
und streng zu gleich.
„Sire“, antwortete der Gefragte, „hier
ist ein Gefängniswärter aus der Bastille, der meint, euch unter vier Augen
sprechen zu müssen. Er sagt es ginge um einen Hochverräter, der dort inhaftiert
ist.“
Philippe zuckte kaum merklich zusammen.
Er konnte sich natürlich an fünf Fingern abzählen, dass mit diesem Hochverräter
Louis gemeint war. Was wohl mit ihm los war?
In diesem Augenblick trat der Gefängniswärter
aus dem Schatten des ersten Sekretärs und verneigte sich tief.
„Meine Verehrung, Majestät“, sagte er
und sah den König dann erwartungsvoll an.
„Also gut“, sagte Philippe schließlich,
indem er sich an den Sekretär wandte, „laßt uns bitte
allein.“
Der Mann gehorchte und verließ mit
zahlreichen Verbeugungen rückwärts das Zimmer.
Kaum war der Sekretär draußen, wandt sich Philippe an den Wärter.
„Nun, was ist mit diesem
Hochverräter?“, fragte er und versuchte, nicht allzu neugierig zu klingen.
Die Antwort des Wärters fiel dann aber
anders aus, als Philippe es erwartet hatte. Dieser lächelte nämlich süffisant
und meinte zunächst nur:
„Also wer hier der Hochverräter ist,
darüber müßten wir uns noch mal unterhalten.“
Der König wußte
natürlich genau, worauf der Wärter mit dieser Bemerkung anspielte und es
beunruhigte ihn, doch er gab sich unwissend.
„Was meint ihr damit?“, fragte er
scheinbar arglos.
„Oh, ich denke, das wissen eure
Majestät schon ganz genau“, antwortete der Wärter und machte dabei ein vielsagendes Gesicht.
Das ganze wurde Philippe nun
unangenehm.
„Was wollt ihr von mir?“, fragte er und
konnte dabei eine gewisse Panik in seiner Stimme nicht unterdrücken.
„Gar nichts, was euch schadet“, war die
Antwort, „ ich bin nur ein einfacher Gefängniswärter und habe weder die
Möglichkeiten noch Ambitionen Politik zu machen und schon gar nicht in der
Größenordnung wie ihr und eure drei verschwörerischen Freunde.“
Philippe war ganz blaß
geworden und der Gefängniswärter fuhr fort:
„Ich bin nur hier, um für euren Bruder
um Gnade zu bitten.“
„Er ist nicht mein Bruder“, platzte
Philippe heraus, „er ist nur ein verrückter Doppelgänger und ich bin der
König.“
„Ihr braucht mir nichts vormachen“,
antwortete der Wärter ruhig, „ich weiß Bescheid.“
Philippe ging einige Schritte rückwärts
und ließ sich kraftlos auf einen Stuhl fallen.
„Also“, fragte er schließlich, „welchen
Grund hätte ich, ihn zu begnadigen?“
„Ich habe ihm gesagt, wenn er sich Mühe
gibt und sich bessert, dann könnte er vielleicht Gnade von euch erfahren“,
erklärte der Wärter, „und er hat sich gebessert.“
Philippe zog die Stirn in Falten.
„Und jetzt soll ich wahrscheinlich so
gerührt sein, dass ich ihn auf der Stelle begnadige. Was?“
„Majestät, er gibt sich wirklich Mühe.
Bitte gebt ihm wenigstens eine Chance. Was glaubt ihr denn, was das für ein
Gefühl sein muß, wenn er jetzt erfährt, dass all seine Mühe umsonst war.“
In diesem Moment sprang der König wie
von einer Tarantel gestochen auf und schrie:
„Eine Chance?! Er hatte sechs Jahre
lang seine Chance gehabt! Sechs Jahre, in denen ich seinetwegen im Gefängnis
war! Er hätte sich die ganze Zeit besinnen und mich frei lassen können. Das war seine Chance! Jetzt ist es zu spät!“
Philippe begann zügig auf und ab zu
gehen, um sich ab zu reagieren. Der Wärter sagte nichts. Im Grunde konnte er
diesen jungen Mann ja verstehen. Jahrelang war er unschuldig eingekerkert
gewesen und jetzt verlangte jemand von ihm, dass er denjenigen begnadigte, der
ihm das angetan hatte, nur weil der sich in letzter Zeit angeblich gebessert
hatte. Der Wärter schüttelte den Kopf. Eigentlich war es doch naiv von ihm
gewesen, zu glauben, der neue König würde Louis so einfach begnadigen, nach all
dem was, dieser ihm angetan hatte. Er verstand das, doch er hatte eben auch
gesehen, wie der arme Louis im Gefängnis mißhandelt
worden war und das war auch nicht in Ordnung gewesen.
„Könnt ihr ihn denn nicht wenigstens in
ein angenehmeres Gefängnis verlegen lassen?“, fragte er schließlich vorsichtig.
Philippe blieb stehen. Er hatte jetzt
keine Kraft mehr. Wie in Zeitlupe wandte er dem Wärter sein Gesicht zu. Dieser
sah nun nicht länger einen Ausdruck des Zorns oder einer sonstigen Erregung in
den Augen des Königs. Stattdessen hatte Philippe nun einen nachdenklichen,
melancholischen Blick, was den Wärter abrupt wieder hoffen ließ.
„Ich kann das hier und jetzt nicht
entscheiden“, sagte Philippe schließlich, „bringt mich zu ihm. Ich muß wissen,
ob er sich nur gebessert hat, um aus dem Gefängnis raus zu kommen oder weil er
wirklich einsichtig geworden ist. Wenn ich sehe, dass er es ernst meint, werde
ich ihn frei lassen.“
Der Gefängniswärter reagierte ganz überschwenglich. Er trat auf den König zu und küßte mehrmals dessen Hand.
„Danke Majestät“, sagte er immer
wieder, „vielen Dank.“
Ein unsicheres Lächeln huschte über
Philippes Gesicht.
„Ihr scheint ihn wirklich zu mögen,
meinen Bruder“, meinte er und der Wärter antwortete:
„Sire, er ist für mich inzwischen fast
zu einer Art Sohn geworden.“
Da mußte
Philippe nun wirklich lächeln.
„Wartet draußen vor den Toren auf
mich“, befahl er, „wir reiten zur Bastille.“
„Wie ihr befehlt, eure Majestät“,
antwortete der Wärter froh und entfernte sich.
5.
Kapitel:
Begnadigung
Einen Moment lang stand Philippe
noch gedankenverloren da, dann rief er laut nach einem Kammerdiener.
Dieser erschien sofort und der König
wies ihn an:
„Bringt mir meinen Mantel und laßt mein Pferd satteln. Ich habe etwas wichtiges
zu erledigen.“
„Sehr wohl, Sire“, antwortete der
Kammerdiener und verließs sofort wieder den Raum.
Philippe setzte sich noch einmal hin.
Wie würde sein Wiedersehen mit Louis wohl verlaufen? Er wünschte sich sehr,
dass sich sein Bruder wirklich aus Überzeugung geändert hatte und dass er
tatsächlich einsichtig geworden war.
„Wie schön das doch wäre“, murmelte
Philippe vor sich hin.
Er war von Natur aus ein friedfertiger
Mensch und er spürte in seinem Inneren, dass ihn eine Versöhnung mit Louis weit
mehr befriedigen würde als die Rache.
Philippe griff in eine Innentasche
seines Samtrocks und holte einen Schlüssel heraus. Es war der Schlüssel für die
Maske, den er ständig bei sich trug. Er ließ ihn langsam zwischen seinen
Fingern hin und her gleiten, während er ihn nachdenklich betrachtete. Konnte es
tatsächlich sein, dass ein dummer Schlüssel so viele Schicksalstüren öffnen
oder versperren konnte? Die Pforte zur Macht, zur Einsamkeit, zur Qual, zur
ewigen und tiefsten Zwietracht und nun vielleicht sogar zur Versöhnung; all
diese Türen konnte er öffnen oder versperren, dieser eine kleine Schlüssel.
Philippe hatte mit einmal das Gefühl,
im wahrsten Sinne des Wortes das gesamte Schicksal Frankreichs und das seiner
Familie in den Händen zu halten und plötzlich fühlte sich der Schlüssel ganz
schwer an. Miteinmal sah er auch gar nicht mehr aus,
wie ein normaler Schlüssel, sondern wie ein widerliches kleines Insekt, ein
bösartiges Insekt, das gemein ist und sticht. Philippe konnte den Anblick
dieses kleinen Metallmonsters, dass soviel Unglück
über ihn und seine Familie gebracht hatte, nicht länger ertragen. Er schloß seine rechte Faust um den Schlüssel, als wolle er
diesen zerquetschen. Anschließend preßte er selbe
Faust gegen die Stirn und fing an, bitterlich zu weinen.
Wenige Augenblicke später klopfte es an
der Tür. Philippe zuckte zusammen, steckte hastig den Schlüssel wieder ein,
wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und rief:
„Herein!“
Es war der Kammerdiener.
„Majestät, euer Mantel“, verkündete
dieser und hielt dem König dessen Mantel so hin, dass dieser nur noch hinein
schlüpfen mußte.
Philippe erhob sich und schlüpfte in
den Mantel. Sofort wollte der Kammerdiener sich an den Knöpfen zu schaffen
machen, doch Philippe wehrte ab und knöpfte den Mantel rasch alleine zu.
„Sire, ein Page wartet mit eurem Pferd
draußen vor dem Schloß auf euch“, erklärte der
Kammerdiener.
„Danke“, antwortete Philippe und
verließ das Zimmer.
Der Kammerdiener schaute ihm irritiert
nach. Der König schien ja überhaupt nicht geistig anwesend zu sein.
Als Philippe eilig durch die Gänge des
Schlosses dem Ausgang zu eilte, traf er zufällig auf Portos.
„Nanu? Wohin so eilig, Majestät?“,
fragte dieser erstaunt.
„Zur Bastille“, antwortete Philippe
ohne stehen zu bleiben.
Sofort witterte Portos eine Gelegenheit
zu seiner Unterhaltung.
„Soll ich mitkommen?“, fragte er
deshalb in der Hoffnung, Philippe würde ja sagen, doch er wurde enttäuscht.
„Nein. Das ist eine Angelegenheit, die
muß ich alleine regeln“, antwortete der König.
Portos versuchte seine Enttäuschung zu
verbergen und fragte dann:
„Geht es um ihn?“
„Ja.“
„Ah“, Portos schöpfte wieder Hoffnung,
„macht er etwa Ärger? Soll ich vielleicht doch mitkommen und ihn mal ordentlich
durchprügeln?“
Nun blieb Philippe doch stehen. Er
drehte sich abrupt um und sah Portos entsetzt an.
„Um Gottes Willen, nein“, antwortete
er, „die Situation ist ganz anders. Bis nachher dann.“
Bevor Portos nochmal
antworten konnte, hatte Philippe schon die Beine in
die Hand genommen und war losgerannt. Er wollte jetzt einfach nicht noch länger
mit Portos diskutieren. Hier handelte es sich um eine Sache zwischen ihm und
Louis, die er alleine in die Hand nehmen mußte. Er wußte, dass seine drei Freunde aus verschiedenen Gründen
wahrscheinlich überhaupt nichts von einer Begnadigung halten würden und so sehr
er sie auch mochte, er spürte, dass sie ihn zu sehr in dem Urteil, das er nun
zu fällen hatte, beeinflussen würden. Doch das durfte nicht sein. Er allein mußte jetzt entscheiden, was mit Louis geschehen sollte.
Ansonsten hätte er seinen Bruder ja auch gleich dem wütenden Volk übergeben
können, was einem Todesurteil gleich gekommen wäre. Nein, er wollte jetzt von niemanden beeinflußt werden, wenn
er Louis in Kürze gegenüber stehen würde. Er wollte nur in sich hinein horchen,
um zu erfahren, was er wirklich wollte, Freundschaft oder Vergeltung.
Draußen wartete ein junger Page, der
das fertig gesattelte und gezäumte Pferd des Königs am Zügel hielt. Philippe
sprang sofort auf. Der Page hatte noch gerade Zeit, seinem König die Zügel zu
überreichen, da preschte dieser auch schon los.
Am Haupttor traf Philippe auf den
Gefängniswärter, der ebenfalls bereits im Sattel saß.
„Kommen sie!“, rief er und gallopierte sofort weiter.
Der Wärter gab seinem Pferd nun
ebenfalls die Sporen und ritt neben dem König. Die beiden Torwachen sahen ihnen
ungläubig nach.
„Was zum Teufel ist denn hier auf
einmal los?“, fragte der eine, „Erst kommt dieser Wärter an und meint, er müsse
den König unter vier Augen sprechen und jetzt reitet der König auf einmal
davon, als wäre er auf der Flucht.“
„Vielleicht wachsen seinem verrückten
Doppelgänger auf einmal Blumen auf der Maske und er muß sich das jetzt
unbedingt mal ansehen“, mutmaßte der andere und beide brachen sofort in
schallendes Gelächter aus.
Die Wahrheit sah natürlich um einiges
weniger komisch aus. Die Situation war sehr ernst. Philippe wußte,
dass er nun an einer Art Scheideweg stand und er ahnte, dass die Entscheidung,
die er nun zu fällen hatte, seines und Louis Schicksal entscheiden würde und er
wollte keinen Fehler machen, aber noch weniger wollte er noch länger warten und
so trieb er sein Pferd zu Höchsttempo an. Der Gefängniswärter konnte kaum
mithalten.
Als sie bei der Bastille ankamen, wurde
Philippe mit einmal ganz eigenartig zu Mute. Irgendwie hatte er das Gefühl nach
Hause zurück zu kehren. Es war sicher ein abartiges Gefühl, eine Perversion des
erfüllten Heimwehs, doch er konnte dieses Gefühl nicht ganz abschütteln.
Alles wirkte so vertraut und strahlte
fast schon eine beruhigende Atmosphäre aus. Wie einfach war doch das
überschaubare Leben in einer Gefängniszelle im Vergleich zu dem bei Hofe, wo
man sich ständig mit Neidern, Intrigen und Politik rumschlagen mußte.
Der Gefängniswärter hatte den
veränderten Gesichtsausdruck des Königs bemerkt.
„Majestät, stimmt etwas nicht?“, fragte
er deshalb.
„Nein. Alles in Ordnung“, antwortete
Philippe, „gehen wir.“
Und so schritten sie beide durch den
Hof auf das Tor zu, das zum Inneren dieses einer Festung gleichenden
Gefängnisses führte.
Die Torwachen erkannten den König
sofort und traten ohne ein Wort zu sagen, respektvoll bei Seite, wobei sie ihm
jeweils einen der beiden Torflügel aufhielten. Philippe und der Wärter betraten
das Gefängnis.
„In Ordnung“, sagte Philippe, „führt
mich zu ihm.“
„Ja Sire.“
Der Wärter griff sich eine Laterne, die
an der Wand hing und schlug den Weg ein, der zu Louis‘ Zelle führte. Der König
folgte ihm in kurzem Abstand.
Als Philippe bemerkte, dass sie immer
tiefer in die Kellergewölbe der Bastille hinunter stiegen, begann er zu
schaudern. Welch grauenhafter Ort dies doch war. Es war kalt, feucht und dunkel
und ein moodriger, fauliger Geruch lag in der Luft.
Wie eine schwere Decke, schien er sich über alles und jeden zu legen. Hier war
Louis also irgendwo untergebracht worden. Philippe spürte, wie ein Hauch von
Mitleid in ihm aufstieg, doch bevor er sich noch weitere Gedanken machen
konnte, standen sie schon vor der Tür zu Louis‘ Zelle.
„Hier ist es“, verkündete der Wärter
und ohne eine Antwort abzuwarten, schloß er die Tür
auf.
„Du hast Besuch!“, rief er laut ins
Innere der Zelle, während er im selben Moment eintrat. Philippe folgte zwei
Schritte dahinter und dann sah er Louis. Er hatte keine Mühe, sich in der
relativen Dunkelheit der Zelle zu orientieren, denn seine Augen waren ja
diesbezüglich geübt, doch was er sah, schockierte ihn.
Obwohl Louis nur wenige Monate bisher
im Gefängnis zugebracht hatte, sah er doch weitaus elender aus, als Philippe
nach sechs Jahren; ein Umstand, der wohl auf die zahlreichen Mißhandlungen zurück zu führen war. Seine Kleidung war
völlig zerrissen und an vielen Stellen von getrocknetem Blut dunkelrot gefärbt.
Er wirkte abgemagert, obwohl Philippe befohlen hatte, ihm anständig zu Essen zu
geben.
Während Philippe noch fassungslos auf
seinen Bruder starrte, trat dieser schließlich zögernd ein paar Schritte auf
ihn zu. Dann kniete er nach höfischer Sitte nieder und bezeugte damit seine
Unterwerfung und Ergebenheit. Es war das erste Mal seit seiner Krönung in Nôtre Dame, dass Louis vor irgendjemandem niederkniete.
Philippe war jedenfalls von dieser
Geste so beeindruckt, dass er als erstes eine Frage stellte, die er so ganz
sicher nicht geplant hatte.
„Wie steht es um eure Verletzungen?“,
fragte er.
Louis war zunächst überrascht von
dieser Frage, doch dann hob er sein Oberteil an und entblößte dabei Brust und
Bauch.
Philippe verspürte einen kurzen Anflug
von Abscheu, als er all die zugenähten Narben auf der Brust seines Bruders sah,
doch dieses Gefühl wich schnell der Erleichterung, denn die Narben waren sauber
und nicht entzündet. Tatsächlich schienen die Wunden sehr gut zu verheilen.
„Ganz gut“, antwortete Louis
schließlich und ließ sein Oberteil wieder los.
Dabei fiel Philippe auf, dass Louis
sein rechtes Handgelenk überhaupt nicht bewegte.
„Aber was ist mit eurer Hand?“, fragte
er deshalb.
„Sie hatten mir das Handgelenk
gebrochen“, antwortete Louis und hörte sich an wie jemand, für den solche Mißhandlungen mittlerweile zum Alltag gehörten, denn obwohl
der alte Wärter ihn die letzten Wochen über beschützt hatte, hatten die beiden
anderen doch stets Gelegenheiten gefunden, um Louis zu peinigen, wenn auch
nicht mehr in dem Ausmaß, wie zuvor.
Philippe war jedenfalls schockiert und
befand sich nun in einer Situation, die er sich ganz anders vorgestellt hatte.
Eigentlich war er ja hergekommen, um von Louis so etwas wie eine Entschuldigung
zu erhalten, doch nun hatte er auf einmal das Gefühl sich vor seinem Bruder rechtfertigen zu müssen.
Auch Louis wußte
nicht mehr recht, was er tun sollte. Er hatte erwartet, dass sich Philippe ihm
gegenüber als überlegene Autorität aufspielen würde, als Sieger gegenüber dem
Besiegten, doch mit dessen unschlüssiger und unsicherer Haltung konnte Louis
nichts anfangen.
Schließlich brach Philippe als erster
das Schweigen.
„Es tut mir leid, was Euch hier
passiert ist“, sagte er, „das war nicht das, was ich für Euch vorgesehen
hatte.“
Louis erhob sich und schüttelte betrübt
den Kopf.
„Das ist gemein“, seufzte er.
„Ich weiß“, antwortete Philippe, „ich
sagte doch eben, dass es mir leid tut.“
Louis schüttelte den Kopf.
„Nein, das meine ich nicht. Ich meine,
ich bin doch derjenige, der sich entschuldigen sollte. Ich habe mir das auch
fest vorgenommen, aber nun entschuldigt Ihr Euch auf einmal bei mir und wirkt
dabei auch noch absolut unautoriär. Jetzt weiß ich
nicht, wie ich reagieren soll.“
Philippe zog erstaunt die Augenbrauen
hoch.
„Bringt Ihr es etwa nur fertig, Euch zu
entschuldigen, wenn ich euch mit Füßen trete?“, fragte er.
„Nein, natürlich nicht“, beeilte sich
Louis zu versichern, „es ist nur... Ich war auf diese Situation einfach nicht gefaßt. Sie irritiert mich. Ich könnte mich jetzt
entschuldigen, aber ich bin zu durcheinander, es würde nicht glaubhaft
klingen.“
Da begann Philippe zu lächeln.
„Laßt nur“,
meinte er, „aussprechen könnt Ihr Eure Entschuldigung später immer noch.
Entscheidend ist, was in eurem Kopf vorgeht und mir scheint, ihr seid
tatsächlich vernünftig geworden.“
Der König trat nun hinter seinen
Bruder. Instinktiv wollte Louis sich wieder zu Philippe umdrehen, doch dieser
hielt ihn davon ab.
„Haltet still“, befahl er und Louis
gehorchte mit einem leichten Schulterzucken.
Dann holte Philippe den Schlüssel für
die Maske hervor und schloß diese damit auf. Der
Wärter kam sofort zur Hilfe und nahm Louis die Maske vorsichtig vom Kopf.
Louis war einen Moment lang wie erstarrt, dann riß
er ruckartig den Kopf nach hinten und atmete tief durch.
Philippe trat nun wieder vor ihn und
betrachtete ihn so demaskiert. Louis‘ Gesicht war von Schmutz und Schweiß
dunkel gefärbt, die Haare waren zerzaust und schmutzig und er hatte dringend
eine Rasur nötig. Allerdings sah er nicht ganz so verwahrlost aus, wie Philippe
damals. Er hatte die Maske ja auch eine wesentlich kürzere Zeit lang getragen.
„Bin ich etwa frei?“, fragte er
zaghaft.
„Ja“, antwortete Philippe lächelnd,
„Ihr seid frei.“
Der Wärter schüttelte den Kopf.
Unspektakulärer hätte dieses ganze Szenario kaum ablaufen können; keine großen
Gefühlsausbrüche oder Gesten, wenn man mal von Louis Kniefall absah, sondern
einfach nur eine schlichte Verständigung zwischen den beiden Parteien, die
dadurch jedoch um so glaubwürdiger wirkte, eben gerade, weil sie ohne großes
Tamtam abgelaufen war.
Im selben Moment überlegte Louis, wie
er reagieren sollte. Er war sehr dankbar für seine Freilassung, das war klar,
doch wie sollte er sich jetzt revangieren? Er hatte
sich ursprünglich eigentlich vorgenommen, eine große Show abzuziehen, um bei
seinem Bruder Eindruck zu schinden, doch das war gleich am Anfang gründlich
daneben gegangen. Zwar hatte er mit seinem Kniefall durchaus eine Menge
Eindruck geschunden, doch was nützt eine Geste der Unterwerfung, wenn der, dem
man sich unterwarf, sich dann nicht auch als überlegener Herr aufspielte? Ein
wenig hatte sich Louis zunächst sogar darüber geärgert, dass Philippe so milde,
ja fast schüchtern gegenüber ihm reagiert hatte.
„Wozu mache ich eigentlich diesen
Kniefall und erniedrige mich damit sogar selbst, wenn er dann nicht in der Lage
ist, seinen Part richtig zu spielen?“, hatte er zunächst im Stillen gedacht.
Doch diese Einstellung war schnell der
Scham darüber gewichen, dass er sich mit oberflächlichem Getue praktisch hatte
einschleimen wollen. Wie billig das doch von ihm gewesen war, auch wenn es
Philippe offenbar nicht so aufgefaßt hatte. Doch mit
seiner natürlichen und sehr menschlichen Reaktion, hatte Philippe Louis
unbewußt gezeigt, worauf es wirklich ankam; nämlich auf eine ehrliche
Verständigung. Dazu brauchte man keine große Inszenierung. Natürlich waren
große Gesten nicht falsch, solange sie nur von Herzen kamen, doch Louis mußte sich eingestehen, dass gerade dies bei ihm nicht der
Fall gewesen war. Philippe hatte rausfinden wollen,
ob Louis sich aus Überzeugung und Einsicht heraus gebessert hatte oder nur,
weil er aus dem Gefängnis raus wollte. Das Problem war, dass Louis diese Frage
selbst nicht genau beantworten konnte.
Doch das spielte nun im Grunde keine
Rolle mehr, denn jetzt wußte Louis, dass er ein guter
Mensch sein wollte, nicht um den anderen zu gefallen oder um seiner eigenen
Vorteile Willen, sondern einfach, weil er es wollte. Er wußte,
dass es richtig war.
Und so beließ er es diesmal bei einem
etwas leise, aber dafür umso ehrlicher klingenden „Danke Majestät“.
Dabei neigte er noch leicht den Kopf.
Philippe lächelte milde und einen
Moment lang war da dieses Band zwischen ihnen, das es früher nie gegeben hatte
und das sie nun für einen kurzen Augenblick spüren ließ, was es tatsächlich
heißt Geschwister zu sein. Sie versuchten beide, diesen Augenblick, dieses
Gefühl zu bannen, doch leider vermochten sie es nicht.
Dennoch bestand nun eine solide
Harmonie zwischen ihnen. Sie akzeptierten sich nun gegenseitig und ein bißchen
mochten sie sich sogar.
Schließlich brach Philippe erneut das
Schweigen.
„Jetzt müssen wir überlegen, wie es
weiter gehen soll“, sagte er.
Louis nickte.
„Wenn wir das Geheimnis einfach lüften
würden, wäre das vielleicht die Lösung“, überlegte Philippe laut.
„Wie lüften?“ Louis sah ihn irritiert
an.
„Wenn wir bekannt machen würden, dass
wir Zwillinge sind, dann lägen alle Karten auf dem Tisch und keiner könnte
dieses Geheimnis mehr nutzen, um Intrigen zu spinnen.“
„Aber es könnte trotzdem zu Unruhen
führen“, antwortete Louis, „einige Adlige könnten sich auf Eure Seite schlagen,
andere auf meiner. Was glaubst du wohl, warum unser Vater deine Existenz geheim
halten wollte?“
„Er war nicht unser Vater“, erwiderte
Philippe melancholisch.
„Was meinst du damit?!“ fuhr Louis
heraus.
„Das erzähl ich dir später. Jetzt
müssen wir das hier erstmal klären. Du hast recht.
Wenn das Geheimnis bekannt würde, könnte das zu Konflikten führen. Deshalb
müssen die Verhältnisse geklärt werden. Wenn du ganz offiziell auf die Macht
verzichtest und mir die Treue schwörst, dann wird es auch keinen Konflikt
geben.“
Louis verzog das Gesicht.
„Ich Euch Treue schwören?“ erwiderte er
„Ihr habt Euch gegen mich verschworen. Ja, nüchtern betrachtet habt ihr Hochverrat begangen und jetzt verlangt Ihr sogar
von mir Euch die Treue zu schwören. Ihr seid ganz schön unverschämt.“
Philippe funkelte ärgerlich mit den Augen.
So ganz geändert hatte sich Louis dann doch wohl noch nicht.
„Ihr könnt ja auch hier bleiben“
erwiderte er gereizt.
„Ach was. Den Thron habe ich ja in
jedem Fall verloren“, antwortete Louis, „entweder bleibe ich hier im Gefängnis
und werde nie mehr König sein oder ich schwöre Euch die Treue und werde dann
auch nie mehr wieder König sein. Aber ich werde zumindest frei sein und das
ziehe ich vor.“
„Also seid ihr einverstanden? Ihr
werdet meine Herrschaft akzeptieren?“ fragte Philippe.
„Ja.“
To
be continued…