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Der Mann in der eisernen Maske: Teil 2


Von Christiane Märker


Philippe öffnete die Augen und sah sich irritiert um. Seine Umgebung kam ihm im ersten Moment merkwürdig vor und er wußte nicht so recht, wo er war. Er starrte hoch zu dem Baldachin seines Bettes und da erinnerte er sich wieder. Seit vorgestern Abend war er der König von Frankreich. Sein Zwillingsbruder Louis war gegen ihn ausgetauscht worden und saß nun im Gefängnis. Philippe rieb sich verschlafen die Augen und setzte sich in seinem Bett auf. Was würde der Tag wohl bringen? Er wußte, dass es einiges zu tun gab. Das Volk hatte unter Louis gelitten und es waren einige Maßnahmen und Reformen notwendig. Am vergangenen Tag hatte sich Philippe noch nicht darum kümmern können, denn dieser Tag war ganz und gar D’Artagnans Begräbnis gewidmet gewesen. Bei diesem Gedanken seufzte Philippe traurig, dann stieg er aus dem Bett und ging zur Tür. Als er sie öffnete und das Zimmer verlassen wollte, sah er, wie ihm eine Gruppe von Dienern und Zofen entgegen kam. Der älteste und offenbar auch ranghöchste der Diener machte ein bestürztes Gesicht und sagte: „Mon Dieu, seine Majestät ist schon aufgewacht. Da seht ihr es! Wir sind zu spät zur Aufweckzeremonie gekommen. Schande über uns!“ Philippe sah den Diener verwundert an. „Was ist los? Was für eine Aufweckzeremonie denn?“ „Na die, auf die eure Majestät sonst soviel Wert legen.“ Philippe lachte. „Ab heute lege ich keinen Wert mehr drauf. Ein König kann genau so normal aufstehen, wie jeder andere Mensch auch. Eine ganzes Heer von Bediensteten ist dazu gewiß nicht nötig. Kurz und gut, diese alberne Zeremonie ist ab sofort abgeschafft.“ Philippe klopfte dem verblüfften Diener kameradschaftlich auf die Schulter und begab sich dann leise vor sich hin pfeifend in Richtung Badezimmer. Er war jetzt voller Tatendrang und konnte es kaum erwarten, die Hoffnungen, die seine drei Freunde in ihn gesetzt hatten, zu erfüllen.

Während dessen befand sich Louis in einer weit aus weniger heiteren Stimmung. Genauer gesagt war er mit den Nerven völlig am Ende. Er saß mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern auf dem harten Bett in seiner Zelle. Er hatte nur sehr wenig und schlecht geschlafen. Zum einen, weil er solch einen harten Schlafplatz überhaupt nicht gewöhnt war und zum anderen, weil er viel zu aufgewühlt und durcheinander war. Er konnte einfach nicht begreifen, was geschehen war. Noch vor kurzem war er der König von Frankreich gewesen und nun saß er einsam und verlassen in dieser ärmlichen Kerkerzelle. Bei diesem Gedanken stieg eine unglaubliche Wut, gepaart mit Trauer und Verzweiflung in Louis auf. Er ballte die Hände zu Fäusten und spannte die Unterkiefermuskulatur an. Sein ganzer Körper krampfte sich zusammen und er begann leicht vor Erregung zu zittern. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor und schließlich entluden sich all seine aufgestauten Emotionen in einem markerschütternden Schrei, der weithin durch die Korridore des Kerkers zu hören war und als Echo von den nackten Steinwänden ein ums andere mal zurück geworfen wurde. Louis rastete nun völlig aus. Er brüllte und tobte und schlug und trat nach allem, was ihm in die Quere kam. Er war verzweifelt. Schließlich hatte er keine Kraft mehr und ließ sich schluchzend aufs Bett fallen. Er war davon überzeugt, dass es in diesem Moment keinen Menschen auf der Welt gab, der mehr litt als er. Schließlich hörte er von draußen die Stimme eines Gefängniswärters. „Was ist los mit dir?“, fragte dieser. Louis sprang auf und rannte zur Zellentür. „Verräter!“, schrie er einfach nur außer sich, „Verräter! Ihr seid alle Verräter!“ Daraufhin hörte Louis, wie der Wärter offenbar zu jemand anderem sagte: „Der Ärmste. Jetzt hat er schon den Verstand verloren.“ Dann hörte er, wie sich der Wärter und die andere Person entfernten. „Ich habe nicht den Verstand verloren!“, schrie Louis, „Ich...“ Louis stockte mitten im Satz. Es war zwecklos. Niemand würde ihm glauben, dass er der echte König war und niemand würde ihm helfen. Bei dieser Erkenntnis angelangt spürte Louis, dass er sich am liebsten umbringen würde, doch gleichzeitig wußte er auch, dass es ihm dazu an der nötigen Willenskraft mangelte und so legte er sich wieder auf sein Bett und gab sich ganz seinem Kummer und seiner Verzweiflung hin. Doch irgendwann hörte er mit einem Schlag auf zu weinen. Warum sollte er hier liegen und sich selbst bemitleiden? Wenn er von nirgendwo Hilfe erwarten konnte, dann mußte er sich halt selbst helfen. Louis setzte sich auf. Sein Entschluß stand fest. Er würde mit Hilfe einer List fliehen und dann würde er sich rächen und sich zurück holen, was man ihm genommen hatte. Diese Verräter sollten schon noch bemerken, dass er nicht hilflos war. Sie sollten seinen Zorn zu spüren bekommen und er würde gnadenlos sein. Louis knurrte leise vor sich hin.

Nachdem er sich gewaschen und gefrühstückt hatte, begab sich Philippe zusammen mit seinen drei Freunden in sein Arbeitszimmer. Dort angekommen klatschte ihm Portos einen ordentlichen Stapel Papier auf den Schreibtisch. „Was ist das?“, fragte Philippe und Portos antwortete: „Rechnungen für Feste und Kriegskosten.“ Philippe starrte perplex auf den großen Stapel Papier vor sich. „Das sind alles Rechnungen?“, fragte er fassungslos. Er blätterte den Stapel kurz durch und sah, dass es sich fast ausschließlich um richtig stattliche Summen handelte. „Ja“, meinte Athos, „Louis hat es sich verdammt gut gehen lassen und dabei sein Volk komplett ausgebeutet.“ Philippe griff zu einem Heft, dass ebenfalls auf dem Schreibtisch lag und schlug es auf. Darin war die Höhe der vom Volk verlangten Steuern festgelegt. Philippe drehte sich um und sah seine Freunde an, dann sagte er: „Diese Steuern sind ja viel zu hoch. Also hört her. Zunächst werde ich mit sämtlichen Ländern, mit denen wir zurzeit Krieg führen, Friedensverträge aushandeln. Dann werde ich die Steuern für das Volk ordentlich senken und dafür müssen ab sofort auch die Adligen und der Klerus Steuern zahlen. Generell soll es aber so sein, dass nur derjenige Steuern zahlen muß, der auch ein geregeltes Einkommen besitzt und die Höhe der Steuer soll ebenfalls von der Höhe des Einkommens abhängen, aber das werde ich nachher noch genau mit meinem Finanzminister besprechen. Jedenfalls werden in Zukunft nur noch zu wirklich wichtigen und sinnvollen Anlässen Feste gefeiert.“ Die drei Musketiere sahen Philippe gerührt an, dann ergriff Portos das Wort. „Wißt ihr was, Majestät?“ „Was?“ „Wir sind stolz auf euch.“ Philippe grinste und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Naja“, meinte er, „man gibt sich halt Mühe, aber ein großes Fest werden wir jetzt doch erst mal feiern und zwar eins, an dem nicht nur der Hofstaat, sondern das ganze Volk dran teilhaben wird. Bezahlen tun wir das natürlich nicht von Steuergeldern, sondern aus eigener Tasche und jeder der will, kann mit feiern. Wir feiern einen Neuanfang.“ „Tolle Idee!“, lobte Portos und glaubte, schon den Duft von köstlichem Schweinebraten zu riechen. Die anderen sahen ihn schmunzelnd an.

Kurz darauf begannen die Vorbereitungen für das große Fest, denn es sollte noch am selben Abend statt finden. Boten ritten durch Paris und verkündeten die Einladung des Königs, die vom Volk mit Verblüffung und Freude aufgenommen wurde. Auch waren bereits Informationen über Philippes Reformpläne durchgesickert und als beispielsweise ein Tischler mittleren Alters, der gerade damit beschäftigt gewesen war, seinen Dolch für ein Attentat zu schärfen, davon erfuhr, legte er die Waffe wieder bei Seite. Dafür schmiedete nun ein anderer Mordpläne und dieser andere war Louis. Er saß ruhig und konzentriert in seiner Zelle und wartete auf einen günstigen Augenblick, um seinen Fluchtplan durch zu führen. Schließlich hörte er, wie in dem Korridor, an den auch seine eigene Zelle grenzte, ein Wärter patrouillierte. Louis warf sich auf den Boden und gab laute entsetzliche Laute von sich, als ob er einen Todeskrampf durchstehen würde. Der Plan ging auf. Schon wenig später öffnete der Wärter die Zellentür und betrat besorgt das Innere der Zelle. Louis lag auf dem Boden, schrie, röchelte und wand sich in spastischen Zuckungen. „Oh mon Dieu!“, rief der Wärter aus und beugte sich zu ihm runter, doch in diesem Moment holte Louis aus und schlug den Wärter mit einem gut plazierten Schlag bewußtlos. Dann beugte er sich über ihn und nahm ihm den Dolch ab, den er bei sich trug. Anschließend griff sich Louis noch den Schlüsselbund des Wärters und machte sich aus dem Staub. Den Wärter schloß er in der Zelle ein. Natürlich mußte Louis nun vorsichtig sein. Er konnte ja nicht einfach aus dem Gefängnis raus spazieren, zumal er wußte, dass das Eingangstor ständig bewacht wurde, doch auch für dieses Problem hatte er sich bereits eine Lösung überlegt. Zunächst verzog er sich in eine dunkle Ecke, wo er sich gründlich umsah und schnell entdeckte, was er suchte: eine Mausefalle. Diese Fallen waren zu Dutzenden in den Korridoren des Kerkers aufgestellt, denn die Gefängniswärter befürchteten die Übertragung von Krankheiten durch Ratten und Mäuse und gerade in einem Gefängnis war ja die Gefahr einer Epidemie besonders hoch, da viele Gefangene dicht gedrängt zusammen saßen und ohnehin schon kränklich waren. Louis beugte sich runter und nahm die Mausefalle an sich, dann trennte er mit Hilfe des Dolches den Draht von dem Holzgestell und bog ihn aus einander. Anschließend versuchte er mit dem Draht, das Schloß der eisernen Maske zu knacken und nach einigen Anstrengungen und Flüchen gelang es ihm auch. Louis atmete tief durch und genoß einen Augenblick lang das Gefühl kühler Luft auf seinem Gesicht. Dann versteckte er die Maske und schlich sich durch die Korridore zu einem ganz bestimmten Raum. Zum Glück kannte er das Gefängnis sehr gut, denn schließlich gehörte es ja ihm und er hatte auch einen Lageplan davon besessen. Daher wußte er auch, wo sich der Aufenthaltsraum der Wärter befand und ihm war bekannt, dass diese sich dort des öfteren mit Prostituierten vergnügten. Als Louis vor der entsprechenden Tür stand, hörte er aus dem Inneren auch schon lautes Keuchen und Stöhnen. Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt breit und blickte hinein. Was er sah, war eine regelrechte Massenorgie. Insgesamt fünfzehn Wärter vergnügten sich dort mit Prostituierten in allen möglichen und unmöglichen Stellungen. Louis verzog angewidert das Gesicht. Auf dem Boden lagen die Kleider der Prostituierten und genau darauf hatte es Louis abgesehen. Vorsichtig schlich er sich heran und griff sich eins. In der allgemeinen von Keuchen und Stöhnen begleiteten Ekstase nahm ihn niemand wahr. Dann verließ Louis den Raum wieder zog sich rasch das Kleid über und verschleierte dabei auch sein Gesicht. Dann stolzierte er selbstbewußt in Richtung Ausgang. Die Wächter, die dort standen, sahen ihn lüsternd an. „Na mein Täubchen“, meinte einer der beiden, „wollt ihr uns jetzt etwa verlassen?“ „Ja, mein Herr“, säuselte Louis mit piepsiger Stimme. „Wollt ihr mir nicht vorher noch eine Freude machen?“, fragte der Wächter mit lechzendem Blick. Louis wurde es einen Moment lang mulmig zu Mute, doch dann antwortete er: „Tut mir leid, mein Herr, aber ich habe es eilig. Ich habe nämlich noch einen anderen Termin.“ Dabei klimperte er ganz entzückend mit den Augen. „Na dann viel Spaß“, antwortete der Wächter lachend. Das Tor wurde für Louis geöffnet und er trat ins Freie, wobei ihm der eine Wächter noch einen Klaps auf den Hintern gab. Louis entfernte sich mit ruhigem gleichmäßigen Schritt. Erst als er weit genug vom Gefängnis entfernt war, begann er zu rennen. Er rannte, als wäre eine ganze Horde wild gewordener Stiere hinter ihm her bis er in einen dunklen Hinterhof gelangte. Dort riß er sich die Frauenkleider vom Leib. Im nächsten Moment hörte er plötzlich von weitem eine Stimme, die verkündete: „Heute abend gibt der König ein großes Fest und alle Bürger von Paris sind herzlich willkommen!“ Ein dämonisches Grinsen huschte über Louis‘ Gesicht. „Das wird ja immer besser“, sagte er zu sich, „jetzt kann ich es ihm Schlag auf Schlag heimzahlen. Wollen doch mal sehen, wem hier ein Fest wirklich zum Verhängnis wird.“

Während die Vorbereitungen für das Fest in vollem Gange waren, besuchte Philippe seine Mutter in ihren Gemächern. Diese freute sich natürlich sehr darüber. „Mein Junge!“, rief sie freudig aus und umarmte ihn, sämtliche Etikette ignorierend, herzlich. Philippe erwiderte die Umarmung und als sie sich wieder von einander lösten, fragte er: „Wie geht es dir, Mutter?“ „Jetzt, wo du endlich bei mir bist, könnte es mir nicht besser gehen“, antwortete sie freudig und ergriffen zugleich. Philippe lächelte glücklich, doch dann wurde sein Gesichtsausdruck mit einmal nachdenklich. „Bist du denn kein bißchen traurig wegen Louis?“, fragte er und fügte hinzu: „Er ist doch auch dein Sohn.“ Die Königin Mutter sah Philippe mit einem vielsagenden Lächeln an und antwortete dann: „Nun, ich habe das Gefühl, dass du gar nicht vor hast, Louis für immer einzusperren. Ich glaube eher, dass du ihm einfach Zeit zum Nachdenken geben willst und sobald er einsichtig geworden ist und Reue zeigt, wirst du ihn begnadigen und zu uns zurück holen.“ „Und dann werden wir alle drei glücklich zusammen leben“, fügte Philippe fröhlich hinzu. „Ja, du hast mich vollkommen durchschaut Mutter. Ich werde demnächst Louis einige von Philosophen verfasste Bücher zukommen lassen. Ich glaube, dass solche Lektüre seinem Charakter gut tun wird. Ich denke, er wird dann beginnen, manche Dinge zu begreifen.“ „Mein guter Junge“, murmelte die Königin und drückte ihren Sohn noch einmal an sich, „magst du dich setzen und mit mir eine Tasse Tee trinken?“ „Gerne“, antwortete Philippe und nahm Platz.

Etwa eine Viertelstunde später traf ein aufgeregter Bote im Schloß ein und verlangte, den König zu sprechen, doch der Diener, der ihn empfing, meinte: „Der König ist gerade bei seiner Mutter und möchte nicht gestört werden.“ „Es ist aber sehr wichtig“, erwiderte der Bote. Darauf hin beeilte sich der Diener zu antworten: „Aber der königliche Ratgeber Aramis könnte euch sicher empfangen.“ Der Bote überlegte einen Moment lang, dann nickte er. „In Ordnung.“

Aramis empfing den Boten in seinem Arbeitszimmer und erahnte bereits beim Eintreten des sichtlich aufgeregten Mannes, dass dieser keine guten Nachrichten brachte. „Nun, was gibt es?“, fragte er freundlich. „Herr“, antwortete der Bote, „Dieser Betrüger, der sich für den König ausgegeben hatte, ist aus dem Gefängnis geflohen. Bis jetzt fehlt jede Spur von ihm.“ Diese Nachricht beunruhigte Aramis sehr. „Danke, ihr könnt gehen“, sagte er zu dem Boten, worauf dieser auch gleich den Raum verließ. Aramis versank ins Grübeln. Er ahnte wohl, dass sich Louis nicht mit der Freiheit zufrieden geben würde, sondern auf Rache aus war. Sollte er Philippe noch vor dem Fest davon berichten und ihn warnen? Andererseits, was konnte Louis denn schon groß ausrichten? So entschied sich Aramis, Philippe erst nach dem Fest Bescheid zu geben. Er wollte ihm nicht die Laune verderben. Vielleicht unterschätzte er den Haß und die Wut, die Louis zur selben Zeit empfand.

Das Fest begann am spätem Abend und entwickelte sich zu einem vollen Erfolg. Überall waren Tische mit köstlichen Speisen aufgestellt, zwischen denen sich Leute jeglichen Standes tummelten. Fackeln brannten, ein Feuerwerk wurde entfacht. Man lachte und scherzte und Adlige und einfache Bürger tanzten gemeinsam ausgelassen um ein Lagerfeuer, dass auf einem großen freien Platz in den Gärten des Schlosses entfacht worden war. Philippe schlenderte zwischen den Gästen umher, während er sich angeregt mit zwei Gemüsehändlern unterhielt. Er ahnte ja nicht, dass Louis ihn bereits immer im Schutz der Dunkelheit auf Schritt und Tritt verfolgte und nur auf einen günstigen Augenblick wartete, um ihn zu erdolchen. Louis selbst wurde immer wütender, je länger er hinter seinem Bruder her schlich. Überall sah er glückliche und zufriedene Leute und jeder, der Philippe erblickte, hatte ein anerkennendes Lächeln oder ähnliches für ihn übrig. Louis begriff immer mehr, wie die Menschen Philippe liebten. Es waren die selben Menschen, die ihn selbst gehaßt und verachtet hatten und diese Tatsache fraß Louis innerlich auf. Seine ansteigende Wut führte allerdings dazu, dass er unvorsichtig wurde. Er bewegte sich rascher und nicht mehr so vorsichtig, achtete nicht mehr so genau darauf, wo er sich versteckte und schließlich geschah es, dass er mit der Hüfte gegen ein kleines rundes Tischchen stieß, auf dem eine Karaffe mit frisch gepresstem Orangensaft stand. Das Tischchen fiel mit lautem Poltern um und Philippe fuhr herum. Er erschrak heftig, als er Louis mit dem blitzenden Dolch in der Hand erblickte. Dieser war ebenfalls erschrocken, doch dann faßte er sich wieder und wollte auf Philippe zu stürzen. Im selben Moment jedoch erschienen plötzlich Athos und Portos, packten ihn, entwanden ihm den Dolch und hielten ihn fest. Louis war von Natur aus kein Held und so bekam er es nun schlagartig mit der Angst zu tun. Er wußte, dass er sein Leben verwirkt hatte und so schrie er verzweifelt: „Gnade! Bitte Gnade! Bitte tötet mich nicht! Habt Erbarmen, bitte!“ Athos verzog verächtlich das Gesicht und sagte: „Was seid ihr nur für eine miese kleine Ratte? Erst wollt ihr einen hinterhältigen Meuchelmord verüben und jetzt bettelt ihr um euer Leben und heult dabei wie ein Weib. Ihr habt nicht einmal genug Charakter, um zu euren Missetaten zu stehen!“ „Ich bin doch kein Musketier“, heulte Louis, „von solcher Tapferkeit versteh ich nichts.“ „Das glaube ich euch gerne“, antwortete Athos spöttisch, doch in diesem Moment mischte sich Philippe ein. Er trat auf Louis zu und fragte so ruhig er konnte: „Du wolltest mich töten?“ „Ja“, antwortete Louis und in seiner Stimme schwankte eine Mischung aus Haß und Angst. Philippe seufzte. „Warum bist du nur so verbittert?“ Jetzt wurde Louis wütend und er schrie: „Warum ich so verbittert bin? War die Frage eben ernst gemeint?! Alle haben mich im Stich gelassen! Ich werde von allen gehaßt und verachtet, während du von ihnen geliebt wirst! Du kommst daher und nimmst mir alles weg! Du zerstörst mich! Verdammt, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich dich hasse!“ Philippe sah seinen Bruder zornig an und antwortete: „Nein Louis, du bist es, der sich selbst zerstört. Du warst es, der mich unschuldig eingekerkert hat. Vergiß das nicht!“ „Wahrscheinlich hätte ich dich doch besser gleich töten sollen“, zischte Louis. Philippe kochte innerlich und versuchte krampfhaft einen Wutanfall zu unterdrücken, doch dann verpaßte Louis plötzlich links und rechts Athos und Portos jeweils einen heftigen Tritt gegen das Schienbein, worauf diese ihn einen Moment lang losließen und er ihnen entfloh. „Wer auf dem Thron sitzt, regiert das Land!“, schrie Louis und rannte auf das Schloß zu. „Hinterher! Faßt ihn!“, brüllte Philippe und rannte selbst als erster los. Er verfolgte Louis ins Schloß und bis in den Thronsaal. Dort fand er seinen Bruder auf dem Thron sitzend und ihn geradezu psychopathisch anmutend angrinsend. „So ist es besser“, meinte Louis und lehnte sich zurück. „Komm da runter!“, rief Philippe, „es hat doch keinen Sinn. Sie werden nicht auf dich hören.“ „Wenn du tot bist, bin ja nur noch ich übrig! Dann müssen sie auf mich hören!“, schrie Louis zurück. Dann sprang er auf, schnappte sich einen schweren Leuchter und stürmte damit wie eine wild gewordenen Furie auf Philippe zu in der Absicht, ihn zu erschlagen. Philippe wich ein ums andere mal aus und Louis hetzte ihn durch den Thronsaal. Schließlich hatte er Philippe in eine Ecke getrieben. Er holte aus, doch Philippe wich noch einmal zur Seite aus und so traf er nur dessen linke Schulter. Dies allerdings mit solcher Wucht, dass Philippe glaubte, der Arm würde ihm abfallen. In seiner Verzweiflung rammte er Louis das Knie genau zwischen die Beine, worauf dieser vor Schmerz laut aufschrie und er ihm ein weiteres mal entrann. Wo blieben nur die Wachen? Louis biß die Zähne zusammen und hechtete erneut auf seinen Bruder zu. Philippe entdeckte eine massive Vase, die auf einem Fensterbrett stand. Er nahm sie an sich und schleuderte sie nach Louis. Dieser duckte sich jedoch rasch und statt seiner traf die Vase einen anderen Leuchter, der ebenfalls auf einem Fensterbrett stand. Die Vase zerbrach und der Leuchter viel herunter. Unglücklicherweise gingen dabei die Kerzen nicht aus und so setzten ihre Flammen binnen Sekunden die Vorhänge in Brand. „Nein!“, schrie Louis entsetzt auf, „Wir müssen das Feuer löschen!“ Louis riß den brennenden Vorhang ab und die Zwillinge begannen gemeinsam darauf rum zu trampeln, um das Feuer zu löschen, doch es half nichts. Statt dessen griff das Feuer nun auch auf das Parkett über und breitete sich rasend schnell aus. Philippe packte Louis an der Schulter. "Wir müssen hier raus!", schrie er und zerrte Louis mit sich in Richtung Tür, die bereits auch Feuer gefangen hatte. Er wollte sie öffnen, wagte es aber nicht, denn sie brannte lichterloh. "Ich kann nicht. Es ist zu heiß", jammerte Philippe verzweifelt. Louis schob ihn zur Seite und antwortete: "Warte, laß mich mal ran." Und mit diesen Worten warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, doch sie war massiv und gab nicht nach. Statt dessen fing nun auch noch Louis' Kleidung Feuer. Louis schrie panisch auf und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger, doch Philippe griff sich einen der Vorhänge, der wie durch ein Wunder noch nicht in Flammen stand, riß ihn herunter und umschlang Louis damit und erstickte so das Feuer. Louis zitterte am ganzen Leib und hustete. "Danke", murmelte er. In diesem Moment hatte das Feuer die Tür besiegt und sie fiel in sich zusammen. Als die Brüder das sahen, rannten sie so schnell sie konnten nach draußen, doch das Feuer folgte ihnen. "Wo sind die denn alle?! Wieso hilft uns keiner?!", schrie Philippe außer sich. "Ich glaube, die haben Angst", antwortete Louis und beobachtete dabei, wie das Feuer vom gesamten Schloß Besitz ergriff. "Komm! Wir dürfen hier nicht bleiben!" Die beiden rannten erneut los, um aus dem Schloß raus zu kommen, doch immer wieder versperrte ihnen das Feuer den Weg. Mit der Zeit bemerkten sie auch die aufgeregten Stimmen, die von draußen kamen. Anscheinend versuchte man doch, ihnen zur Hilfe zu kommen, doch das Feuer ließ die Helfer so wenig rein, wie es Louis und Philippe raus ließ. Schließlich flohen die beiden in einen der wenigen Räume, die noch nicht brannten. Als sie jedoch bemerkten, um was für einen Raum es sich da handelte, blieb ihnen fast das Herz stehen vor Schreck. Es war eine Waffenkammer, in der unter anderem mehrere Fässer Schießpulver lagerten. Entsetzt wollten sie wieder hinaus rennen, doch das Feuer versperrte ihnen den Weg und war kurz davor, auch in diese Waffenkammer einzudringen. Sie saßen in der Falle. "Ich will nicht sterben!", jammerte Louis und klammerte sich dabei an seinen Bruder. Philippe zitterte vor Angst, doch sein Geist arbeitete auf Hochtouren. "Warte!", rief er plötzlich, "Aramis hat mir von einem Bunker erzählt, der sich unter dieser Waffenkammer befindet. Der ist ganz aus Stein, dem kann das Feuer nichts anhaben. Los, hier muß irgendwo eine Luke sein! Wir müssen sie finden!" Louis und Philippe machten sich daran, wie besessen nach dieser Luke zu suchen. Sie guckten in jeden Winkel, schoben Kisten und Tische bei Seite, doch sie fanden nichts. "Was sollen wir tun?", schluchzte Louis, "Was sollen wir tun?" Philippe machte ein ratloses, verzweifeltes Gesicht und in diesem Moment züngelten die ersten Flammen durch die Ritzen der geschlossenen Tür in den Raum. "Nein! Nein! Nein!", kreischten die beiden voller Entsetzen. Sie drängten sich panisch in eine Ecke und die Flammen drangen zügig immer weiter zu den Fässern mit dem Schießpulver vor. Philippe hörte, wie Louis neben ihm bereits sein letztes Gebet sprach und er wollte bereits mit einstimmen, als er plötzlich die Luke entdeckte. Sie war dem Boden optisch so gut angepaßt, dass er sie zuvor gar nicht bemerkt hatte, doch nun sah er sie. Er packte Louis und schrie: "Da! Da ist sie!" Sofort stürzten sich die beiden auf die Luke und versuchten, sie zu öffnen, doch zu allem Überfluß klemmte sie. "Nein, nein, nein! Das kann doch einfach nicht wahr sein!", schimpfte Louis verzweifelt. "Streng dich an!", schrie Philippe zurück. Sie zogen gemeinsam mit aller Kraft, während die Flammen ihrem Ziel immer näher kamen und dann ging die Luke endlich auf. "Rein!", schrie Louis und kletterte rasch die Leiter herunter. Philippe sah, dass das Feuer jeden Moment sein Ziel erreicht haben konnte und so kletterte er, als er auf der obersten Sprosse stand nicht, er sprang und riß dabei noch die Luke hinter sich zu. Philippe schrie vor Schmerz auf, als er unten auf schlug und im nächsten Moment hörten sie einen gewaltigen Knall und spürten eine heftige Erschütterung. Dann war es mit einmal still. Louis kniete neben Philippe nieder und fragte: "Was ist mit dir?" Philippe antwortete: "Ich glaube, ich habe mir das Bein gebrochen." Dabei verzog er vor Schmerzen das Gesicht. Louis streichelte ihn tröstend, dann kletterte er die Leiter hoch und öffnete vorsichtig die Luke. Die Waffenkammer war ein einziges verkohltes Etwas, doch das Feuer war verschwunden. Louis kletterte wieder herunter und lud sich Philippe auf den Rücken. "Halt dich gut an meinem Hals fest", sagte er und kletterte mit ihm aus dem Bunker. Er trug ihn nach draußen, durch ein Schloß, dass aussah, als hätte gerade eine Schlacht darin stattgefunden. Als sie endlich im Freien waren, sahen sie vor sich alle anderen versammelt. Die Leute hatten offenbar geglaubt, dass der König im Feuer gestorben war, denn sie hatten ganz verweinte Augen und als Louis mit Philippe auf dem Rücken vor sie trat, konnten sie ihren Augen kaum trauen. Louis legte seinen Bruder vorsichtig im Gras ab und da kam auch schon die Königin Mutter angelaufen und umarmte beide Söhne glücklich. "Mon Dieu! Ich dachte ich hätte euch verloren", schluchzte sie ergriffen." Philippe lächelte. "Nein, das hast du nicht, Mutter." Dann sah er Louis an, der neben ihm hockte und sagte: "Wenn wir nicht gemeinsam gehandelt hätten, wären wir jetzt wahrscheinlich tot. Was meinst du, können wir es nicht doch noch mal mit einander versuchen?" Louis lächelte. "Vielleicht", antwortete er und gab Philippe einen Kuß auf die Wange.


Ende

"Every man's sword will be against his brother." (Ez. 38, 21)